BerlinWelcher Preis ist für einen Haarschnitt angemessen? Welcher für den Bausatz eines Piratenschiffes von Lego? Für den Haarschnitt wendet eine andere Person ihr Handwerk und ihre Zeit auf, und dann sieht man wieder ein paar Wochen lang ordentlich aus. Das Legoschiff indes ist ein industrieller Plastik-Klon, dessen Erwerb das Kinderzimmer nach kurzer Spielphase lediglich noch voller macht. Der aber im Unterschied zum Haarschnitt seinen Wert behält. 

Oder anders: Wenn ich etwas ganz dringend brauche, bin ich da nicht durchaus bereit, mehr zu bezahlen als sonst? Auch für den Schnitt im L’Oréal-Salon löhnt man doppelt so viel wie bei Pony & Clyde oder Haareszeiten an der Ecke – in der Hoffnung, dass einen das Ergebnis zu einem besseren oder zumindest schöneren Menschen macht. Ja, der Wert, der Dingen zugestanden wird, ist nicht nur mit Blick auf den globalen Markt relativ, sondern hängt auch zu Hause immer von der Erzählung ab, die die Sache verheißt.

Als vor gut 20 Jahren die Auktionsplattform Ebay in Deutschland an den Start ging und jedermann Wiederverkäufe von allem ermöglichte, wurde das Prinzip von Angebot und Nachfrage einerseits radikalisiert, andererseits ausgehebelt, weil die Erzählrichtung plötzlich wendbar war. Die Handels- und Handlungslinie, an deren Anfang und Ende sich Produzent und Endverbraucher auf festen Plätzen gegenüberstanden, schloss sich zu einem Kreis, in dem der Warenlauf zum Perpetuum Mobile geriet.

Zugunsten des Marktes natürlich. Denn der siegt ja immer. Man begann, teurere Produkte zu kaufen, Markenprodukte, weil man die gut wieder los wurde und unterm Strich billiger davonkam, man sang im Verkaufstext das Loblied des abzustoßenden Produkts und stimmte sich damit bereits auf die nächste Anschaffung ein. Und jedes Mal sorgte die Auktionsdramaturgie, die bis zur letzten Sekunde einen galoppierenden Preisanstieg ermöglichte, für einen echten Thrill, nachdem man zuvor tagelang mit der Beobachtung des Angebots beschäftigt gewesen war.

Die Feier des realen Produkts ist aus 

Das ist natürlich vorbei. Jetzt gibt es Netflix für den Thrill, dass sich immerzu Waren neben dem Schreibtisch stapeln, lässt Marie Kondo nicht mehr zu, die Wohnung darf kein Lager sein, die Feier des realen Produkts ist vorbei, seine Zukunft ohnehin eine geteilte oder virtuelle, denn wer braucht ein Auto, wenn man eines leihen oder sich bald womöglich beamen kann. Stattdessen schlägt die Stunde der Dienstleistung und ihr Sirenengesang, den Kunden zum Kompagnon zu machen, heißt Pay what you want: Zahl, so viel du willst.  

Aus dem Bereich spiritueller Wohlfühlangebote ist die flexible Preisgestaltung ja schon länger bekannt, inzwischen beginnen aber auch Friseure, Bäcker, Optiker, Gastronomen, sogar Theater damit zu spielen, die Musikindustrie ebenso. Aber wie viel ist denn ein Haarschnitt, ein Wein oder ein schöner Abend wert? Gemessen an was? Schon macht man sich die Gedanken des Unternehmers und feilt an der Geschichte, die man mit seiner Gabe über sich erzählen will. Schon wendet man für jeden Euro, den man vielleicht spart, ein Dreifaches an Aufmerksamkeit auf, schon ist man Teil der Maschinerie, die man gleichzeitig entlohnt.

Aber das Infamste dieser moralischen Falle des Marktes ist: Es gibt keine Schnäppchen mehr. Ersparnis resultiert nur noch aus Geiz, über den man hinterher errötend schweigt.