Pazifismus in Deutschland: Früher war Frieden

Deutschland liefert jetzt also Waffen an einen waffenbedürftigen Kriegsteilnehmer. Deutschland macht Krieg. Es ist in den letzten Tagen oft beschrieben worden, inwiefern dieser Regierungsbeschluss auf einem Dilemma fußt. „Verantwortung muss man auch für sein Nicht-Handeln tragen“, hat SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann gesagt. Heißt: Was man angesichts der Terrormiliz des Islamischen Staates auch tue, man mache sich schuldig. Heißt auch: Pazifismus könne man sich hier nicht leisten.

Stimmt das? Ist der Pazifismus lediglich eine schöne Idee, die den Realitätstest nicht besteht? Bereits vor zwölf Jahren hat – seinerzeit in der Debatte um den NATO-Einsatz im Kosovo – der Grünen-Politiker Ludger Volmer einen „politischen“, bedingten Pazifismus erfunden, um den Krieg als Ausnahme zu rechtfertigen, ohne die Friedensideale aufgeben zu müssen. Er sagte das als Staatsminister im Auswärtigen Amt unter jenem Außenminister Joschka Fischer, der heute behauptet, man könne ein Terrorregime wie das des IS „weder mit Gebetskreisen noch mit Spruchbändern“ stoppen. Aber gibt es einen halbierten Pazifismus? Eher nicht.

Rupert Neudeck, Cap-Anamur-Gründer und überzeugter Friedenskämpfer, hat deshalb jüngst bekannt: „Ich möchte nicht, dass Menschen sterben für die Reinheit meiner Philosophie, meines Pazifismus.“ Es geht ihm wie laut Umfragen 60 bis 80 Prozent der Deutschen, die im Prinzip zwar lieber Frieden ohne Waffen geschaffen sehen wollen, aber im Falle des IS ihre Prinzipientreue notgedrungen dann doch aufzugeben bereit sind. Das ist nicht Ausdruck eines donnernden Moralismus, den Heiner Geißler vor 30 Jahren bediente, als er dekretierte: „Der Pazifismus hat Auschwitz erst möglich gemacht.“ Hinter dem schwindenden Vertrauen in den Pazifismus scheint vielmehr pure Verunsicherung und Ratlosigkeit zu stecken.

„Verantwortungspazifismus“

Es gibt derzeit wenige, die ohne Wenn und Aber für einen bedingungslosen Pazifismus plädieren. Margot Käßmann etwa lehnt nach wie vor Waffengewalt rundum ab und träumt von einem Deutschland ohne Streitkräfte. Wolfgang Huber, einst ihr Vorgänger als Ratspräsident der Evangelischen Kirche Deutschland, hält entgegen, jeder habe zwar „das gute Recht“, einen „individuellen Pazifismus“ zu vertreten, von der Politik müsse man jedoch einen „Verantwortungspazifismus“ erwarten, dem es darum gehe, andere Menschen vor Gewalt zu bewahren. Privat dürfe jeder glauben, was er wolle, politisch und öffentlich griffen andere Maßstäbe. Eine heikle Unterscheidung, gerade für einen Sozialethiker wie Huber, der sonst zu recht dafür streitet, dass Glaubens- und Überzeugungsdinge nicht ins Private und politisch Folgenlose abgedrängt gehören.

Aber auch das zeigt einmal mehr, wie selbstverständlich die militärische Logik inzwischen geworden ist – und wie groß die Verunsicherung. Am deutlichsten ist sie an den markigen Worten und Parolen abzulesen, die jetzt häufiger werden und an Pathos zunehmen. Als ob wir, mit Blick auf die Ukraine genauso wie auf den Nordirak, wieder in einer Situation wären, die sich nur mit klaren Schuld- und Schurkenrollenverteilungen begreifen lasse. Sind nicht dergleichen Zuschreibungen fast immer falsch, weil fast immer kein Schurke einer homogenen Schar der Gutwilligen gegenübersteht? Ist die Skepsis solchen Schubladisierungen gegenüber nicht eines der besten Teile einer europäischen Geschichte? Hat der Pazifismus nicht auch immer diesen guten Zweifel genährt und gerade damit Horizonte der Hoffnung eröffnet?

Hier hilft ein Vergleich, der die kriegerische Gegenwart greifbarer macht. Vor 50 Jahren, am 13. und 14. August 1964, war Martin Luther King auf Einladung des Westberliner Bürgermeisters Willy Brandt in Berlin. Er sprach damals in der Waldbühne und reiste überraschend auch in den Osten, um in der vollbesetzten St. Marien- und Sophienkirche zu predigen. Es wird dieser Tage mit mehreren Empfängen, Vorträgen und Podien an M. L. King und seinen Deutschland-Besuch gedacht. An einen Mann, der einen gewaltlosen Widerstand forderte, dessen Ziel Aussöhnung sein müsse. Sein pazifistisches Credo: „Liebt eure Feinde! Das müssen wir leben.“ In Berlin sprach er damals von einem Glauben, der „aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung schlägt“. Wie kommt es, dass solche Sätze, dass dieser „Traum nach vorwärts“ heute unter Naivitätsverdacht gerät?

Mordende Dschihadisten

Die streitbare Philosophin Judith Butler hat geschrieben, Gewaltlosigkeit sei weder eine Tugend noch eine Position, sie bezeichne vielmehr „die verstrickte und konfliktuelle Lage eines Subjekts, das verletzt und zornig ist, nach gewaltsamer Rache strebt und sich dennoch gegen solches Tun auflehnt“. Es fällt offenkundig selbst dem Bundespräsidenten momentan schwer, den Zorn und die Rachelust zu unterdrücken, wenn er Richtung Putin sagt, „wir werden Politik, Wirtschaft und Verteidigungsbereitschaft den neuen Umständen anpassen“. Es gelingt auch ihm nicht mehr, auf offene Drohung und die Konstruktion eines „Wir“ im Kampf gegen ein „Ihr“ zu verzichten. Gelebte Feindesliebe im Sinne eines Martin Luther King ist das jedenfalls nicht. Können „wir“ sie uns überhaupt noch vorstellen? Bei Putin vielleicht gerade so, aber einem IS-Dschihadisten gegenüber? Wenigstens verstehen? Oder ist das bereits Verrat, der einen verdächtig macht?

Die erste erhaltene Tragödie der europäischen Literaturgeschichte, „Die Perser“ von Aischylos, schildert den vernichtenden Sieg der Athener über die Perser, geschrieben aus der Perspektive der Unterlegenen, von einem griechischen Sieger, der in den Schlachten gegen die Perser mitgekämpft hat, verfasst zwar nicht mit Feindesliebe, aber doch mit Respekt und Achtung vor dem Anderen. Man stelle sich das auf die heutige Situation vor: ein Theaterstück oder einen Kinofilm, der den Konflikt im Nordirak aus Sicht eines mordenden Dschihadisten im ernsthaften Bemühen um Respekt schildert. Ginge das? Es ginge nicht, bereits der Gedanke steht unter Häresieverdacht. Nicht nur, weil es eine Beleidigung der Perser wäre, wollte man sie mit den IS-Terroristen gleichsetzen. Sondern weil das „Wir“, von dem Joachim Gauck im Einklang mit der mentalen Atmosphäre im Lande spricht, längst in ein „Gefilz der Kräfte“ verstrickt scheint, das Robert Musil einst vor dem Ersten Weltkrieg ausmachte: „Alle Linien münden in den Krieg.“

Pazifisten sind unter diesen Umständen in der Rolle des Bikini-Verkäufers am FKK-Strand. Aber braucht es ihn nicht dennoch dringend?