Berlin - Es ist jetzt zehn Jahre her, dass die Fantastischen Vier mit Herbert Grönemeyer den Song „Einfach sein“ produziert haben. Gemeinsam aufgetreten sind sie bisher damit nicht. Am Sonntagabend spielen Grönemeyer und die Fantas diesen Song zum ersten Mal vor Publikum: „Es könnte alles so einfach sein“ singen sie. „ Ist es aber nicht!“ ergänzen knapp 20.000 Zuschauer in der Waldbühne den Refrain des Songs im Chor.

Da ist es schon nach 22 Uhr, die Temperatur ist jetzt endlich erträglich, bei fast 30 Grad hatte dieser Abend kurz nach 16 Uhr begonnen. Da war die Waldbühne ein Heizkessel. Grönemeyers Auftritt ist der Schlusspunkt des „Peace x Peace“-Festivals, das nun schon schon zweiten Mal in der Waldbühne stattfand. 

Einnahmen des Festivals kommen Kindern in Kriegsgebieten zugute

Grönemeyer ist jetzt 61. Er lebt zurückgezogen. Dass er an diesem Abend in Berlin für wenige Minuten auf die Bühne kommt, spricht für dieses Festival, seine Organisatoren und natürlich für ihn, den Mann mit Kondition. Er reißt die Arme hoch, streckt das Mikro in Richtung Publikum, kneift die Augen zusammen und freut sich so. So kennt man ihn. „Und der Mensch bleibt Mensch ...“, singt er.

Es könnte alles so einfach sein. Ist es aber nicht. Die Welt ist voller Kriege, und vor allem Kinder leiden darunter. Darum hat der Berliner Sänger Fetsum Sebhat vor einem Jahr dieses Festival organisiert, und befreundete Künstler zusammengetrommelt. Seeed, Beatsteaks und US-Sänger Aloe Blacc waren mit dabei. Alle verzichteten auf ihre Gage. Das Geld aus Eintritt und Spenden, vergangenes Jahr waren es etwa 413.000 Euro, kommt Kindern in Krisen- und Kriegsgebieten zugute, in Syrien, im Südsudan, im Irak und der Ukraine. Es sind Hilfsprojekte der Unicef.

„Armut, Hunger und Ungerechtigkeit gehen uns alle an“ 

Fetsum, selbst ein Flüchtlingskind von Eltern aus Eritrea, sagt: „Armut, Hunger und Ungerechtigkeit gehen uns alle an. Nur wenn Kinder Hoffnung und Perspektiven haben, kann es eine friedliche Entwicklung geben. Als Künstler möchte ich den schwächsten Mitgliedern unserer Gesellschaft eine Stimme geben.“ Praktisch heißt das, dass die Helfer der Unicef 165 Bleistifte für Schüler kaufen können, wenn hier jemand fünf Euro spendet. Mit zehn Euro lässt sich ein Lehrer im Umgang mit traumatisierten Kindern schulen.

Mit seinem humanistischen Anspruch, seiner zurückhaltenden warmherzigen und doch so eindringlichen Art, wenn es eben um „die Sache“ geht, schaffte es Fetsum auch in diesem Jahr wieder, etliche namhafte Künstler in die Waldbühne zu bitten. Zugesagt haben alle, die einzige Hürde waren terminliche Probleme. Beeindruckt sind die Sänger. „Es ist so einfach, etwas Gutes zu tun“, sagt etwa Johannes Oerding, den Fetsum nach seinem Konzert in Hamburg gefragt hatte, ob er mit dabei sein wolle. Na klar. „Wir müssen das machen, es ist doch so einfach“, sagt Oerding.

Auch Fritz Kalkbrenner, Beginner und Freundeskreis dabei

Die Berliner Electropop-Band Großstadtgeflüster ist auch dabei, sie singt in ihrem schnoddrigen Anarcho-Verweigerungs-Pop vom Wochenendhäuschen in der „Fickt-Euch-Allee“. Da knallt die Sonne noch heiß in die Arena, doch das Publikum ist in bester Laune. Viele Familien sind dabei, kleine Kinder tragen bunte Kopfhörer wegen der lauten Musik, die Erwachsenen dezente Ohrstöpsel. Sie klatschen, springen, singen. Zerzauste Haare, verschwitzte T-Shirts, gute Laune, alle Hände hoch. „Es ist so viel Liebe hier!“, ruft Frank Dellé, als er mit seiner Band auf der Bühne steht. „Light your fire“, singt er. Das ist sein Friedenslied und die Zuschauer formen ihre Hände zu Herzen.
Als Berliner Sänger und Musikproduzent Fritz Kalkbrenner seinen Sound aufdreht, wird die Waldbühne zum Techno-Schuppen. Der Bass wummert sogar noch im Plastikbecher. Alle tanzen.

Max Herre und Joy Denalane treten mit ihrer Band Freundeskreis (FK) auf, die es nun auch schon über 20 Jahre gibt. Nostalgische an die 90er, als FK in Stuttgart den deutschen HipHop prägte. Esperanto, Erste Liebe, Anna. Da war auch Fetsum schon mit dabei.

Gesichter von Kriegskindern auf den Leinwänden

In den Umbaupausen erscheinen auf den Leinwänden immer wieder die Gesichter von Kriegskindern in zerrissenen Kleidern und mit entzündeter Haut. Um sie geht doch es an diesem Abend. Kindheit braucht Frieden, lautet der Hashtag des Abends. Spendenaufrufe, fünf Euro per SMS.

Immer wieder schauen sich die Zuschauer in der vollbesetzten Waldbühne um. Und wirken verzückt. Was für ein Bild! Ein Antikriegskonzert, die größte Benefizveranstaltung der Stadt. „Es war am Anfang nur eine Idee“, erzählt Fetsum von seinem Projekt. „Und es sollte eine Ermutigung für alle sein, was man aus einer Idee machen kann.“

„Wir wollen die Welt ein bisschen besser machen“

Und so wird es wohl auch 2018 so ein Festival geben, denn Hilfe ist weiterhin nötig. „Wir wollen die Welt ein bisschen besser machen“, sagt Fetsum. Stück für Stück. Peace by Peace.

Die Beginner aus Hamburg spielen. „Danke an Fetsum, Alter!“, ruft Jan Delay. Denyo lobt „das Publikum mit Herz“.

Tatsächlich liebt das Publikum an diesem Abend alles, was von der Bühne kommt: Hiphop, Techno, Schmuserock. Manche sind noch ganz erschöpft vom Mittanzen, als schon die nächste Band auf der Bühne steht. Weiter geht`s. Sieben Stunden lang.

Später, in der übervollen S-Bahn, schaltet ein junger Mann die Musik in seinem Handy an. Er hat eine Botschaft. Eine Reggaeband singt vom reichen Deutschland in der ersten Welt, von miesen Waffengeschäften, Hunger und Leid. Die Handymusik klingt schrill und scheußlich, doch niemand beschwert sich bei dem jungen Mann. Es ist seine persönliche Zugabe.