Was haben wir diese Frau vermisst! Oder besser gesagt dieses Fabelwesen, das da am Mittwochabend im neonfarbenen Superheldinnenkostüm (inklusive gestricktem Umhang!) zum Heimspiel auf der Bühne des Neuköllner Clubs Huxleys Neue Welt erschien. Mit dabei: Zwei als Vaginas verkleidete Gogo-Tänzerinnen, die ihre Plüsch-Klitoris rhythmisch zu „Rub“ rieben, dem Titelsong der lang ersehnten neuen Peaches-Platte.

Sechs Jahre ist es her, dass Merril Nisker alias Peaches ihr letztes Studioalbum (das melodische „I Feel Cream“) veröffentlicht hat. Von einer Auszeit kann allerdings keine Rede sein: Live war die tatsächlich schon 47-Jährige mit der Musical-Persiflage „Peaches Christ Superstar“ und der autobiografischen Rock-Oper „Peaches Does Herself“ sogar produktiver denn je. Nebenbei nahm sie Songs mit R.E.M. und Major Lazer auf – ihr Einfluss auf die Mainstream-Popkultur ist schon beachtlich für jemanden, der mit einem kruden Soundmix aus Techno, HipHop und Punk gegen Geschlechterklischees anmusiziert.

Electroclash heißt das Genre, in dem Peaches zu Hause ist, und das auf der Bühne vor allem zu Trash wird. Einer One-Woman-Show mit schrillen Statisten, bei der die Musik eigentlich nur der Soundtrack für Peaches’ Performance-Kunst ist. Es gibt keine Band, nur einen Laptop mit Mischpult und ein Podest, auf dem die Sängerin sich Song für Song aus ihrem pinken Ganzkörperanzug strippte.

Lust am Körper als Politik

Immer wieder verschwand sie hinter dem Podest, um als DJane ihre selbst gebastelten Beats einzuspielen und dazu aggressiv zu rappen - dabei kann Peaches nicht nur toll fluchen und fauchen, sondern auch großartig singen, wie sie bei Duetten mit ihrer Strapse-tragenden Nichte Simonne Jones („Talk to me“) und der transsexuellen Hercules & Love Affair-Frontfrau Aérea Negrot („Close Up“) bewies.

Sexuelle Befreiung und die Loslösung von jeglichen Genderzuschreibungen waren schon immer Kern der Lehre „The Teaches of Peaches“, wie ihr Debütalbum im Jahr 2000 hieß. Mal als sex-positiver Motivator für Depressive („Fuck the pain away“), mal als queer-feministisches Statement („Shake your dicks“), aber immer voller Humor und Selbstironie. Da ist es nur konsequent, dass auch die neuen, wieder härter klingenden Peaches-Songs fast ausschließlich Tinder-Dates („Close Up“), Masturbation („Rub“), Geschlechtsteile („Vaginaplasty“) und Rollenmuster („Dick in the Air“) behandeln.

Stagediving mal anders

Auf der Bühne wird daraus stets ein wilder Exzess, der seinen Höhepunkt beim Berliner Auftritt am Mittwoch zu besagtem „Dick“-Song fand. Da entrollte Peaches, inzwischen nur noch mit einer Art Bondage-Monokini bekleidet, einen überdimensionalen transparenten Tunnel in Schwanz-Form auf den Köpfen des Publikums - und spazierte dann in diesem begehbaren Kondom über die Menge. Zumindest solange, bis die verzückten Zuschauer den Aufblasdildo so sehr in die Höhe schubsten, dass kein Gesang mehr möglich war.

Peaches-Fans sind derart enthemmte Körperlichkeit gewöhnt - wenn nicht von ihren kurzweiligen Live-Shows, dann aus ihren Musikvideos, die pornografischen Kurzfilmen gleichen. Im soeben erschienenen, von Youtube zensierten Clip zu „Rub“ tanzen 40 nackte Frauen ekstatisch in der Wüste, die Band trägt Schamhaartoupets und ein wunderschöner Hermaphrodit (bekannt aus „Peaches Does Herself“) peitscht Peaches - kein Witz - mit dem Penis aus. „Tell on my pussy - Whistle blow my clit“, singt sie dazu.

Solche vertrauten politischen Zweideutigkeiten sind wieder in vielen der neuen Songs enthalten, einige Texte dienten der Wahl-Berlinerin aber auch als Therapie. Die geradezu verstörend poppige Hit-Single „Dumb Fuck“ und die wütende Brandrede „Free Drink Ticket“ etwa schrieb Peaches, um die Trennung von ihrem langjährigen Partner, dem Berlin-Festival-Gründer Conny Opper, zu verarbeiten. Dazu passt auch das Albumcover - Peaches mit verheultem Gesicht, die Schminke verlaufen, der Kopf sitzt nicht mehr richtig auf dem Hals.

Sie hat es verwunden. Auch das war Teil ihrer Botschaft, als sie sich im Laufe ihres Konzertes das Kostüm einer androgynen Kriegerin vom Leib fetzte, bis sie nur noch im glitzernden Liebestöter-Slip auf dem Podest stand. Nach knapp 80 Minuten verließ Peaches - wie es sich für eine Amerikanerin in Neukölln gehört - mit einem Rollkoffer die Bühne, um zur Aftershow-Party in den Exhibitionisten- und Sex-Club Kit Kat weiterzuziehen. Wohin auch sonst.