Vitalina Varela
Foto:  Grandfilms

Barfuß tritt Vitalina in die Welt dieses Films ein. Vorsichtig schreiten ihre nackten Füße die Stufen der Gangway hinab. Die Kamera kommt ihnen so nahe, dass ihr Anblick bereits von ihrem Leben kündet. Es muss arbeitsam und entbehrungsreich gewesen sein. Sie brauchte Füße, die so robust und schrundig sind, um in ihm bestehen zu können.

Sie kommt aus einer fernen Kultur. Niemand steigt in Europa bloßen Fußes aus einem Flugzeug. Sie scheint auch der einzige Passagier zu sein, als sei die Maschine in Kap Verde allein für sie gestartet. Ist sie ein Staatsoberhaupt, eine Königin? Aber das Empfangskomitee bildet nur die Kolonne der Putzfrauen, die gleich die Maschine reinigen sollen.

Es begrüßt die Fremde mit abweisenden Worten. „Hier in Portugal gibt es nichts für dich“, sagt eine von ihnen. Jedoch klingt aus ihren Worten barmherziges Bedauern, sie umarmt die Ankommende als tröstende Freundin. Vitalina trifft drei Tage zu spät zur Beerdigung ihres Mannes ein. Jahrzehntelang hatte sie auf ein Flugticket nach Lissabon gewartet. Aber Joaquin, der ohne ein Wort des Abschieds ging, wollte sie nie nachholen in seine neue Heimat. Sein Leben in dem Elendsviertel am Rand der Metropole blieb sein Geheimnis. Welche Scherben hat er hinterlassen, die sie nun aufsammeln soll?

Der Portugiese Pedro Costa, dessen Werk den Tendenzen des Gegenwartskinos entrückt und ihm zugleich unverzichtbar ist, hat seinen neuen Film mit, über und gewiss auch für seine Titelheldin gedreht. Er ist kein Porträt, sondern ein Lebenszeugnis. Es ist Vitalina Varelas eigene Geschichte, die er erzählt: die einer Bäuerin, die von Kindesbeinen an arbeitete, blutjung mit Joaquin ein Haus baute in Kap Verde, ihr Kind allein großzog und dann nach Portugal ging, um nicht wieder zurückzukehren.

Die Laiendarstellerin steht mit einer Leinwandpräsenz für sich ein, die im letzten Jahr in Locarno mit einem Schauspielpreis ausgezeichnet wurde. Sie besitzt die Aura einer Opernsängerin – in manchen Augenblicken ähnelt sie Jessye Norman –, die jedoch leise spricht. Auch der Goldene Leopard, den „Vitalina Varela“ in Locarno gewann, gebührt ihr zum großen Teil, denn gemeinsam mit dem Regisseur schrieb sie das Drehbuch.

Noch eine dritte Autorschaft lässt Costa zu: die des Kameramannes Leonardo Simões. Das Viertel, in dem Vitalina die Spuren ihres Mannes sucht, taucht er in kohlschwarzes Dunkel. Er meißelt die Szenen aus der Düsternis heraus, meist leuchten nur kleine Flecken des Lichts auf. Es fällt nicht auf Requisiten und Gesichter, sondern wird kraftvoll geworfen. Die Schatten mögen undurchdringlich sein, aber dem Kameralicht entgeht kein Detail, keine Regung. Es lädt die Szenerie magisch auf, verwandelt die Realschauplätze in Traumkulissen. Das Bairro der Einwanderer aus den ehemaligen Kolonien scheint unter der Erde zu liegen, ein Labyrinth der Schemen und entwurzelten Existenzen. Auch die Tonspur ist ein Wunder der Aufmerksamkeit, das die unsichtbare Geschäftigkeit des Viertels zu Leben erweckt.

Die Figuren, die hier auftreten, könnten freilich Untote sein. Sie sind Wesen in einer Sphäre existenzieller Unbestimmtheit. Armut und Trauer lasten schwer auf ihnen, selbst in der Bewegung ruhen sie. Die Nachbarn und Freunde Joaquins, die Vitalina aufsuchen, müssen nicht der Gegenwart angehören. Sie könnten Traumgestalten sein, Gebilde der Erinnerung. Ihre filmische Wirklichkeit ist keine Frage des Naturalismus, sondern dem Blick eines wachsamen Visionärs geschuldet. Costa hat sämtliche Rollen mit Laien besetzt, die für die Kamera nicht aus ihrer Biografie hinaustreten müssen. Einige sind aus früheren Filmen des Regisseurs vertraut, namentlich Ventura, der hier einen greisen Priester spielt, der an Schüttellähmung leidet.

Das Feuer des Priesters ist erloschen, er kann nicht einmal mehr das Vaterunser beten. Aber er ist ein Garant dafür, dass Vitalina nicht nur Zwiesprache mit Abwesenden hält. Er bettet ihre Geschichte ein in die kollektive Erfahrung des Exils. Costa erzählt von einer privaten Abrechnung, die sich weitet zu einer Beschwörung postkolonialen Elends. Ein Leben als Einwanderer, sagt der Priester resigniert, ist Gift. Das letzte Wort schreit er heraus. Es ist das einzige Mal, dass jemand in diesem elegischen, verschwiegenen Film die Stimme erhebt. Aber seine Verschwiegenheit ist so beredt wie seine Düsternis.

Vitalina Varela. Portugal 2019. Regie und Co-Drehbuch: Pedro Costa. Kamera: Leonardo Simões. Darsteller: Vitalina Varela, Ventura, Manuel Tavares Almeida; in Farbe, 124 Minuten, FSK ab 12