So viel Schönheit! Viele schöne Menschen lauschten am Wochenende betont schöner – will heißen: introspektiv-expressiv-bärtig-postmillenial Herzen und Bäume besingender Musik, als im und ums Funkhaus an der Nalepastraße das sogenannte People Festival stattfand.

Aufmerksame Leser dieser Zeitung werden das Format des Zusammentreffens kennen: Justin Vernon, besser bekannt als Bon Iver, und die Dessner-Brüder von der Band The National sind entsetzt über die persönliche Entfremdung, die wir durch Internetabhängigkeit und Smartphonezwang durchleben, und fordern eine Rückbesinnung auf Gemeinschaft und zwischenmenschliche Interaktion.

Deshalb organisierten sie mit ihren Freunden Tom und Nadine Michelberger ein Festival, bei dem 160 Musiker ohne Gage nach einer Woche gemeinsamen Workshoppens über zwei Tage Ergebnisse dieser Kollaborationen präsentierten.

Da kein Line-up angekündigt wurde, war man indes versucht, ständig mit Hilfe des Smartphones herauszufinden, wen oder was man sich da gerade anhörte. Das stand gewissermaßen konträr zur Idee des Festivals, und viele Besucher widerstanden der Versuchung denn auch und ließen sich treiben!

Überwiegend internationale Berliner Jungkreative

So war am Nachmittag auf der Gartenbühne der Ex-Berliner Norweger Erlend Øye anzutreffen, den man von den Kings of Convenience oder The Whitest Boy Alive kennt. Bald übergab er das Mikrofon einem jungen Herrn aus dem Publikum, der ein liedermacherhaftes Humorlied über Berlin vortrug, einerseits fand er die Stadt toll, andererseits auch schrecklich!

Das Publikum, das überwiegend aus internationalen Berliner Jungkreativen bestand, verstand wenig vom Text und fand das Lied großartig – wie auch, wo man hinkam, alle alles immer total großartig fanden! Vielleicht fühlten sich die jungen Menschen ja tatsächlich befreit von den Zwängen des digitalen Zeitalters!

Leider sorgte die positive Stimmung aber auch dafür, dass in den meisten musikalischen Darbietungen das Konfrontative tunlichst gemieden wurde; Richard Reed Parry etwa, bekannt als Multiinstrumentalist bei Arcade Fire, führte am Sonntagabend im Saal 2 mit Nick Zinner von den Yeah Yeah Yeahs, Bryce Dessner von The National und anderen eine Art mild-elektronischen Gospel-Folk für die Instagram-Generation auf, der unweigerlich an Mobilfunkwerbung erinnerte. Im Sommergarten wiederum war der irische Barde und Hausfrauenschwarm Damien Rice beim Knödeln zu beobachten.

Zwischen Pathos und Nüchternheit

Aber die Instagram-Jugend vermag ja vieles unter einen Hut zu bringen, so applaudierte man im Hauptsaal begeistert einem Damenchor, der sehr gute, leicht jazz-inflektierte Harmonien sang und zu feministisch-ritualistischen Liedern formte, zu denen eine Tänzerin in einem quasi-japanischen Gewand herumwedelte. Das war sehr schön, denn die Stimmen der Sängerinnen bewegten sich um den Mittelpunkt zwischen Pathos und Nüchternheit.

Später erschienen wieder Reed Parry und andere, und es wurde ein harmonisches Drone-Spiel angestimmt: Mobilwerbung-Alarm! Dann lieber raus, wo der Kölner Eigentlichkeitsrepräsentant und Nicht-Smartphone-Besitzer Henning May vom Trio AnnenMayKantereit am Klavier (ob barfuß wie in seinem größten Hit besungen, war nicht zu erkennen) den Umstehenden persönliche Lieder dichtete und dazu improvisierte.

Ein nettes Festival-Format

Auch das war schön, aber es zog einen dann doch zu mehr Uneigentlichkeit und Fassade hin, denn die bilden ja nach wie vor die Essenz des Pop. Kurt Wagner von Lambchop murmelte etwa zu dünnen Beats von irgendjemanden irgendetwas ins Mikro, und Francis Farewell Starlite alias Francis And The Lights bot eine post-ironische R’n’B-Playback-Show, in deren Verlauf er die Hauptbühne betanzte und dabei gefährlich auf diversen Schlagzeugen umherkletterte. Sogar Huey Lewis And The News „coverte“ er, in dem er zu Samples von deren Hit „The Power Of Love“, nun ja, agil tanzte.

Insgesamt ein nettes Festival-Format, aber besser als bei anderen Mainstream-Festivals ist die Musik auch nicht. Immerhin spielte Bon Iver im Garten verloren mit Autotune und ein Rapper hielt mit dem Publikum im Treppenhaus einen Klatsch-Rap-Geschwindigkeitskontest ab. Lesie Feist machte auch noch mit.