Wenn zwei Künstler auf der Welt das Gleiche tun, müssen sie sich noch lange nicht kennen. Terry Fox konnte in den Siebzigern nichts wissen von den dramatisch-allegorischen Bauernhocker-Monumenten des Chinesen Ai Weiwei im Jahr 2014, die den Gropius-Bau als Metapher für Landflucht füllten.

Schon möglich aber, dass Ai „A Metaphor“ – Fox’ klingenden Hocker von 1976 – irgendwo in einem Katalog gesehen hat. Fox’ minimalistisches, kurioses Atelierhocker-Duo, mit den Beinen zueinander aufgestellt zur turmartigen Skulptur, an einem Seil eine klingende Metallscheibe, ist sozusagen die Verkörperung von dessen Idee: vom simplen Ineinandergreifen der Medien und des Alltäglichen, von der Kunst als Situation, als Körperzustand, als elementares Material, als Labyrinth, wo der Raum Instrument wird. Es ging also um entgrenzte, assoziative Denkräume, um metaphorische Transformationen.

Befreundet mit Joseph Beys und Co.

Nicht von Ungefähr hatte Fox, der um 1970 in der San Francisco-Bay-Arena zu den Pionieren der amerikanischen Body- und Concept-Art zählte, physische Grenzerfahrungen suchte und weitervermittelte, rasch Aktionisten-Freunde gefunden: Joseph Beuys, Dennis Oppenheim, Vito Acconci, auch den frühen Video-Dramatiker Bill Viola.

Weil Fox als Maler kein Feedback bekam, suchte er damals neue, diskursive, politische Ausdrucksformen – die Konfrontation und Kommunikation mit dem Publikum, damit auch Wege aus der Isolation heraus, die „fertige“ Kunstwerke für ihn bedeuteten. Dann kam er mit einem DAAD-Stipendium nach Europa. Den heute so abgenutzten wie diffusen Begriff „Performance“ benutzte er nie.

Ihm war das Kommerzielle der Strömung zuwider. Er wollte keinen „Warenwert“ seiner energetischen Aktionen mit profanen Alltagsdingen wie Kerzen, Seilen, Mobiliar und immer auch dem eigenen Körper. Und mit Klang. Niemand sollte Eintritt bezahlen für das, was er aufführte und „situations“ nannte.

Ausstellung in der Kunsthalle am Hanseatenweg

Wer immer dieser Schau in der Akademie-der-Künste-Halle am Hanseatenweg den Titel „Elemental Gestures“ (Elementare Gesten/Gebärden) gab, er hätte sie auch „Obsession fürs Labyrinth“ nennen können. Oder „Das Schnurren der Katzen“. Die Kuratoren der Ausstellung, Arnold Dreyblatt und Angela Lammert, fanden bei ihrer Beschäftigung mit diesem genial anarchischen Aktionisten (heute wäre er, ob er nun wollte oder nicht, ein „Performer“) und ruppig-poetischen Klangkunst-Virtuosen alle Facetten vor.

Diese würden all die Titel rechtfertigen. Terry Fox, Amerikaner wie Wahleuropäer in einem, ist völlig zu Unrecht das, was man einen „artists’ artist“ nennt. Einen, den andere Künstler schätzen, nachahmen, beleihen, aber dessen originales Werk das breite Publikum kaum kennt.

Fox, der auf einem Schwarz-Weiß-Foto von 1970 eine „Smoke Inhalation“ vollführt, wo ihm die ausgepustete Rauchwolke wie ein monströser Wurm in den Mund zurückkriecht, war seinerzeit ein Wegbereiter der bis heute wachsenden Szene, von deren Aktionen bloß Filme, Fotos und Relikte blieben. Und so ist jetzt der dokumentarische Nachlass, das Fox-Archiv, ja, das sonst in Köln bewahrte Fox-Universum in Berlin ausgebreitet: per Video, Foto, Skulptur, Objekt, Skizze. Und Klang.

Ein Labyrinth aus Erde, Feuer, Wasser, Licht tut sich auf. Blut, Urin, Mehl, Geschirr – und tote Fische als Zeichen der Vergänglichkeit – kommen ins Spiel. Dazu Geräusche, die den Raum als Skulptur und „Instrument“ wahrnehmbar machen sollen. Aus Lautsprechern klackt und rumpelt, brummt und surrt es. Da wird ein Violinbogen über eine Glasschale gezogen, da tropft Wasser, lärmt eine Hubschrauber.

Fast partiturenartig hat Fox seine grotesk-sinnlichen Aktionen auf Papier verewigt, absurde Sinfonien geschaffen. Etwa verwandelte er Klangwellen in geometrische Muster. Und mit einem Modell der Kathedrale von Chartres vertonte er, wie abstrus und erheiternd, „das Schnurren von elf Katzen“.