Berlin - Stehen wir vor einem neuen Flughafen- oder Staatsopern-Desaster? Am Freitag wurde bekannt, dass die Sanierung und der tief in die historische Substanz eingreifende Umbau des Pergamonmuseums in jeder Hinsicht aus dem Ruder zu laufen drohen. Bisher sollte der erste Bauabschnitt mit den Antikensälen im Ostflügel, der totalen Neugestaltung des Nordflügels und dem Bau einer neuen Eingangshalle im Jahr 2019 eröffnet werden.

Die Baukosten nur dafür sollten 261 Millionen, für das Gesamtprojekt inklusive des Neubaus eines Verbindungsflügels am Kupfergraben 358 Millionen Euro nicht überschreiten. Diese Zahlen standen schon lange in Zweifel, nicht zuletzt in den vielen beteiligten Verwaltungen.

Neuer, großer Kunstlicht-Saal

Kaum verwunderlich angesichts des sichtbar langsameren Bauverlaufs und der gigantischen Aufgabe, dies Gebäude teilweise bis in die statischen Strukturen hinein neu zu errichten – so wird in das bisher reich gegliederte Hauptgeschoss des Nordflügels ein vollkommen neuer, großer Kunstlicht-Saal für die Mschatta-Fassade eingefügt.

Der dafür maßgebende Entwurf von Oswald Matthias Ungers – der 2007 verstorbene Architekt war berüchtigt für seinen rabiaten Umgang mit historischen Bauten – stammt aus dem Jahr 1999 und wurde von Denkmalpflegern und Museumshistorikern seit jeher scharf kritisiert.

Dazu kommen noch die trotzdem immer noch großen denkmalpflegerischen Herausforderungen in dem Welterbe-Bau. So sollen die historischen Oberlicht-Fachwerke über den großen Architektursälen oder Teile der Tiefkeller unter dem Ehrenhof unbedingt erhalten bleiben.

Teurer und später

Dennoch hielten die für die Finanzierung letztlich zuständige Kulturstaatsministerin Monika Grütters, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, und die Staatlichen Museen als künftige Nutzer, sowie die für die Ausführung des Riesenprojekts zuständige Bundesbauministerin Barbara Hendricks sowie ihr Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung bis vor kurzem fest: „2019“ wird eröffnet und „261 Millionen Euro plus Baukostensteigerung und Inflationsausgleich“ kostet der erste Bauabschnitt.

Nun ist jedoch klar: Er wird frühestens 2023 eröffnet, und er wird mindestens 477 Millionen Euro kosten. Wenn das Gesamtprojekt zuletzt 600 Millionen Euro – also etwa die Kosten des gesamten Humboldtforums! – überschreitet, wäre das genau so wenig überraschend wie eine Gesamtfertigstellung 2030.

Neu entdeckte Pumpenhäuser treiben Kosten in die Höhe

Das Bundesbauministerium ließ verlauten, die Kostensteigerungen seien Folge des „unvorhergesehenen“ Fundes alter Fundamentbauten von einst für die Museumsbaustelle errichteten Pumpwerken, der Kündigung eines Fachplaners, der nicht angemessen lieferte, von Baukostensteigerungen und einer neuen Risikoabsicherungen – offenbar sind die für Risiken bisher zurück gelegten Gelder bereits vollständig aufgebraucht. Es gibt also einige Parallelen etwa zum Fall Staatsoper.

Wie bei dieser begannen, obwohl die bauhistorischen Grundlagen durchaus bekannt waren, die Untersuchungen am Bau selbst erst parallel mit den Bauarbeiten. Nur so ist der „überraschende“ Fund von Fundamenten zu erklären, die mindestens erahnt hätten werden können.

Wie bei der Staatsoper sind die Vorstellungen der Denkmalpflege, dass Umbauten möglichst substanzschonend stattfinden sollten, nur dann berücksichtigt worden, wenn sie das Konzept der Museen und der Architekten für den großen Hauptrundgang und die neuen Säle nicht störten. Auch das treibt Kosten.

Kein BBI, keine Staatsoper

Allerdings sind auch die Unterschiede sind deutlich: Beim Flughafen BBI und bei der Staatsoper versuchten sich die Länderschefs selbst als Bauherren und ununterbrochen gab es Änderungen im Bauprogramm. Im Pergamonmuseum hingegen sind die künftigen Nutzer, die Staatlichen Museen, weitgehend machtlos, seitdem sie die Baustelle an die BBR abgegeben haben.

Dieses hat bisher Änderungsvorschläge eisern abwehren können. Damit gibt es immerhin, wieder im Unterschied zum Gewaber beim BBI und bei der Staatsoper, eindeutige Verantwortungswege.

Museum wird zum Politikum

Sicher ist die Angelegenheit eine hochpolitische, wirkt wie ein Teil des Vorwahlkampfs zwischen CDU – die die Kulturstaatsministerin stellt – und SPD, der die Bundesbauministerin angehört. Ihr Ministerium nämlich hat die Informationen über die Kostensteigerung vorfristig herausgegeben, eigentlich sollte erst in dieser Woche auf einer gemeinsamen Pressekonferenz aller Beteiligten die Fakten, aber auch das Alternativprogramm bekannt gegeben werden.

Denn die Total-Wegsperrung des Pergamonaltars vor zwei Jahren erschien ja nur deswegen zu verantworten – nicht zuletzt mit Blick auf die historisch ungerechtfertigten, aber poliotisch hoch wirksamen Rückgabeforderungen der Türkei -, weil es sich erstens um eine relativ begrenzte Frist zu handeln schien und zweitens eine Ausstellung über den Pergamonaltar angekündigt wurde.

Interimslösung

Doch nun sind die Fristen vollkommen unkalkulierbar geworden – wer möchte sich für 2023 verbürgen? – und die Ausstellung ist niemals gekommen.

Immerhin versuchen die Staatlichen Museen, diese nun doch noch in die Gänge zu kriegen. Spätestens Ostern 2018 soll, wie die Berliner Zeitung erfuhr, ein „Interimsbau“ auf der dem Bode-Museum benachbarten einstigen Kasernenhoffläche entstehen. In ihm werden transportable Originalskulpturen des Altars, vielleicht auch Gipsabgüsse und anderes zu sehen sein.

Ob zu dem Projekt auch noch die Wiederrichtung des Pergamon-Panoramas gehört, dessen gigantischer Zylinderbau den Ehrenhof des Pergamonmuseums über lange Zeit verschandelte, ist noch nicht klar.

So wie überhaupt einiges Klärungsbedürftig ist an dem für diese Woche angekündigten Pressetermin im Pergamonmuseum, etwa, wie es mit den Klagen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und der Staatlichen Museen über die hohen Verwaltungskosten, die ihnen von der BBR in Rechnung gestellt werden, über immense Baubürokratie und im Vergleich sehr hohe Baukosten steht.

Eines sollte aber auch sicher sein: Die Idee, nun hektisch den Bau des „Vierten Flügels“ aufzuschieben, wäre absolut unsinnig. Erst er nämlich macht den ganzen Riesenumbau mit all den Verlusten museumshistorisch einzigartiger Räume und Inszenierungen überhaupt sinnvoll. Ohne diese vierten Flügel am Kupfergraben kann der Rundgang nicht geschlossen werden.

Der vierte Flügel ist nötig

Allerdings wäre durchaus zu überlegen, in der nun zur Verfügung stehenden Zeit einen neuen Wettbewerb nur für diesen vierten Flügel zu veranstalten.

Hier können jüngere Architekten wenigstens versuchen, die öde, altersstarre Rasterarchitektur von Oswald Mathias Ungers durch einen Entwuf zu ersetzen, der signalisiert: Die Staatlichen Museen sind nicht 1999 stehen geblieben in ihren Vorstellungen davon, was Museums- und Baukultur ist.