Perlentaucher.de berichtet täglich über das, worüber in den deutschen Feuilletons und in wichtigen internationalen Kulturzeitschriften geschrieben wird. Der Perlentaucher ist der umfassendste Überblick über das – sehr altmodisch gesagt – „geistige Leben“ nicht nur der Bundesrepublik. Daneben initiiert die von Thierry Chervel und Anja Seeliger gegründete Internetadresse immer wieder auch selbst Debatten, an der sich Intellektuelle aus der ganzen Welt beteiligen.Wir haben mit Thierry Chervel in seinem Büro in Berlin-Mitte über die jüngste Geschichte des Internets gesprochen..

Seit wann gibt es den Perlentaucher?

Am 15. März 2000 gingen wir ans Netz. Am 7. März hatte der Dax seinen Höchststand erreicht. Danach ging es steil – um 14 Prozent an einem Tag – bergab.

Das haben Sie damals beobachtet?

Das haben damals alle beobachtet. Im Jahr darauf kamen die Anschläge des 11. September. Da ging es noch einmal bergab. Damals erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel über Amazon. Die Autorin macht sich lustig über den Versandhändler. Amazon mache keine Gewinne, es habe keine Zukunft. Das war eine so offensichtliche Fehleinschätzung, ein so offensichtliches Missverständnis des Geschehens auf den neuen Märkten – das machte mir Mut.

Sie dachten: Wir schwimmen auf einer großen Woge einer prächtigen Zukunft entgegen?

Ich war überzeugt davon, dass alle Journalisten ins Internet stürmen würden. Wir beeilten uns damals sehr, unsere Claims abzustecken. Ein paar Jahre später mussten wir dann feststellen, dass wir – nahezu – allein sind. In Deutschland haben sich praktisch keine Journalisten im Internet selbstständig gemacht. Es gibt heute so gut wie kein relevantes Internetmedium außerhalb der alten, traditionellen Medienmarken. Die Zeitschriften und die Zeitungen haben ihre Online-Auftritte. Dazu kommen die Rundfunksender. Daneben gibt es noch dies und das: die Krautreporter, Korrektiv und andere. Größere, authentische Internet-Medien sind in Deutschland nicht entstanden.

Ist das eine deutsche Spezialität?

Ich glaube schon. Selbst in Italien gibt es jetzt einige größere Blogs wie zum Beispiel Inkiesta und Ilpost.it. In Deutschland komme ich mir mit dem Perlentaucher ziemlich allein vor.

Im Jahr 2000 stürmten Sie vor. Wann merkten Sie, dass kaum einer mitkam?

Das dauerte lange. Zunächst fühlten wir uns ja auch getragen von einem gewissen Schwung. Die Zeitungen interessierten sich für uns und trugen dazu bei, uns bekannt zu machen. Wir bekamen Inserate. Wir machten zusammen mit der Kulturstiftung des Bundes „signandsight.com“, ein englischsprachiges Projekt. Wir konzipierten für die Bundeszentrale für Politische Bildung „Eurotopics“. Dann kamen die Attacken der FAZ. Einmal die des Verlages, der zusammen mit dem Verlag der Süddeutschen unsere Zusammenfassungen der Feuilletonartikel als Verstöße gegen das Urheberrecht betrachtete und gegen uns vor die Gerichte zog.

Das passierte, als sie größer wurden?

Dank des Geldes der Kulturstiftung des Bundes bekamen wir in dem winzigen Feld des eh schon winzigen Feuilletonbetriebes mehr Gewicht. Da hat uns die FAZ auch redaktionell scharf attackiert und uns bei öffentlichen Geldgebern unmöglich gemacht. Gleichzeitig kamen die Debatten um das Leistungsschutzrecht für Presseverlage auf. Da gab es dann doch starke Gegenstimmen im Netz. Wir kamen uns nicht mehr allein vor. Es gab eine Blogosphäre. Das Gesetz wurde durchgepaukt. Im Vertrauen gaben Politiker zu, wie sinnlos sie es finden. Aber die Presse hat für sie durchaus noch Macht.

Was ist aus der Blogosphäre geworden?

Es gibt sie nicht mehr. Jedenfalls nicht mehr als eigene, publizistische Kraft.

Den Perlentaucher gibt es noch.

Wir sind drei, vier Leute und ein paar Freie. Wir leben von Werbung und von der Kooperation mit Bücher.de. Wir leben auf Sparflamme. Es geht so sehr ums Überleben, dass wir für vieles, das uns interessiert, keine Zeit, keine Kraft haben. Das war, als einzelne Projekte finanziert wurden, ganz anders. Das ist die private Seite. Aber in den vergangenen Jahren hat sich das Internet noch einmal radikal verändert.

Die sozialen Medien.

Facebook wurde 2004, Twitter 2006 gegründet. Hinzu kamen dann später die mobilen Geräte. Beides hat das Internet nochmals revolutioniert. Die Debatten finden jetzt via Facebook unter den Leuten statt. Nicht auf den eigentlichen Internetadressen. Das gefährdet deren Traffic und damit ihre Chancen, Anzeigen zu bekommen.

Die sozialen Medien verfahren jetzt mit dem Internet so, wie es selbst mit den Zeitungen umsprang?

Wir reden viel zu viel von der Zeitungskrise. Das ist ein falscher Begriff. In Wirklichkeit handelt es sich um eine Krise der Informationsökonomie. Sie betrifft nicht nur die Zeitungen, sondern jedes Informationsmedium. Es gibt keine Gattungsunterschiede mehr. Alles ist Internet. Eine Zeitung ist nichts anderes als eine ausgedruckte Internetdatei. Die Digitalisierung, von der Informationsindustrie begeistert aufgenommen als Verbilligung der Arbeitsprozesse, hat ihr ihre Geschäftsgrundlage genommen. Einmal digitalisiert ist der Datensatz nicht mehr festzuhalten. Die Musikindustrie ist bereits in die Knie gegangen.

Was meinen Sie mit Informationsökonomie?

Zeitungen waren das Ebay des 19. Jahrhunderts. Sie organisierten den Markt. Denken Sie an die Rolle der Kleinanzeigen für die Regionalzeitungen oder den überregionalen Stellenmarkt. Davon haben die Zeitungen gelebt. Die Information und ihre Präsentation halfen bei der Definition des Zielpublikums für die einzelnen Anzeigenmärkte. Wer für die Klugen produzierte, brauchte eine Zeitung für kluge Köpfe.

Die diskutierende Öffentlichkeit war …

… einer der Marktteilnehmer. Die Zeitungen bündelten sehr praktische Marktinformationen mit politischen, sozialen und kulturellen. Die Zeitungen, die es in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts noch gab, waren Überbleibsel der Zeitungskrisen der 50er- und 60er-Jahre. Sie hatten lokale Monopole oder Duopole und erzielten somit jährlich Renditen von 20 oder sogar 30 Prozent. Als die Anzeigen ins Internet abwanderten, stürzten die Zeitungen gewaltig in die Tiefe. Ebay, Google, Amazon haben die Märkte effizienter organisiert. Jetzt stellt sich heraus, dass es für Information jenseits dieser überkommenen Bündelung kein Geschäftsmodell gibt.

Vielleicht hat die Menschheit, von sehr speziellen Ausnahmen abgesehen, noch niemals für Information gezahlt.

Es gibt eine allerneueste Entwicklung: Google, Facebook und Apple kaufen sich alte Informationsmedien. Die sind billig zu haben. Für Apple wäre selbst die größte Tageszeitung der westlichen Welt ein Fliegenschiss im Staub zu seinen Füßen. 150 Milliarden Dollar sollen sie auf dem Konto haben. Jeff Bezos von Amazon hat die Washington Post gekauft. Die anderen machen es anders. Sie betreiben oder planen Kooperationen mit den Zeitungen. Apple und Facebook bieten an, dass die Zeitungen ihre Artikel direkt bei ihnen unterbringen und dafür an den Anzeigenerlösen beteiligt werden.

Google verfolgt eine andere Strategie: Google hat einen Innovationsfonds – 150 Millionen Euro – eröffnet und bietet den Verlagen an, darin mitzuarbeiten, um neue Geschäftsideen für Informationen zu entwickeln. So entschärft man die schärfsten Kritiker, Schirrmacher rotiert im Grabe. Denn Google flankiert das mit schönen ganzseitigen Anzeigen zum Beispiel in der FAZ. Die macht auch mit bei Googles Innovationsfonds. Vielleicht sind die Internetkonzerne gerade dabei, Informationen in ein neues Bündel zu stecken, einen weiteren Strukturwandel der Öffentlichkeit zu schaffen.

Was tun?

In Deutschland hat man einen Kritiker des Internets, Jaron Lanier, mit dem Friedenspreis ausgezeichnet, bevor man das Internet einmal selbst gewürdigt hat. Aber das Internet hat zur Demokratisierung unserer Gesellschaften beigetragen und tut es noch. Es ist uns geschenkt worden: Es gäbe das Internet nicht, wenn nicht Tim Berners-Lee 1991 die noch heute gültigen Grundlagen der Web-Technologie der Weltöffentlichkeit kostenlos zur Verfügung gestellt hätte. Das World Wide Web ist so etwas wie Weltgemeindeland. Zur Zeit versuchen Staaten und Konzerne, es sich unter die Nägel zu reißen.

Dagegen sollten wir vorgehen. Das offene Netz ist in Gefahr. Die Leute wissen heute gar nicht mehr, dass die Wikipedia vom Publikum gebaut wurde, von Millionen Einzelnen, schreibt Konrad Lischka in „Das Netz verschwindet“. Das Netz ist die Kathedrale des 21. Jahrhunderts. Schafft viele, viele Wikipedias!

Das Gespräch führte Arno Widmann.