Olivier Assayas’ neuer Film „Personal Shopper“ ist vieles und vieles davon auch nicht wirklich: Eine Geistererzählung, ein Drama über Trauer und Trauerarbeit, eine nicht selten ironische Geschichte über Glamour und ultimative Kapitalismusträume und ein Thriller über moderne Kommunikationstechnik.

Bei einem Film, der all das sein will, wird man vermuten, dass Harmonieprobleme auftreten, dass die Dinge nicht wirklich zueinanderpassen. Aber Assayas hat eine überwältigende Lösung parat. Ein Kunstgriff: er nähert sich diesen ganzen Ebenen gewissermaßen von ihren Rückseiten her, wie bei einem noch umgeklappten Memory-Spiel, bei dem alle Hinterseiten zueinanderpassen und keine ihre Vorderfronten verrät.

Gespenster im Smartphone

„Personal Shopper“ ist wie ein solches, frisch bereitetes Spiel. Mal wird etwas umgeklappt, mal bleiben die Karten verdeckt, mal passt etwas zusammen, mal nicht, mal hat man sich etwas gemerkt, mal hat man etwas vergessen. Die Schönheit dieses Films, die Schönheit der Rückseiten, besteht darin, dass alles Sinn machen kann, dass es unzählige Varianten und Kombinationen gibt, durch die potenziell Sinn möglich wird, dass die Gespenster in den Smartphones spuken, aber auch in den knarzenden Villen – dort, wo sie seit jeher hingehören.

Einmal findet der Film fast zwei Gleiche. Da sehen wir in einem Pariser Hotel die Aufzugtüre (wie) von Geisterhand aufgehen, die Kamera schwenkt durch einen leeren Raum, die Schiebetüren ins Freie öffnen sich leise, Gespenstertechnik, Schwarzblende. Gleich im Anschluss sehen wir in den selben Einstellungen Ingo (Lars Eidinger), der offensichtlich ein Mörder ist, durch den Aufzug und die Schiebetüren das Hotel verlassen. Die Montage stiftet euphorisch den Zusammenhang und enttäuscht ihn zugleich. Es geht um Vages, im besten Falle Ähnliches, um Beinahes.

Maureen (Kristen Stewart) steckt in dem Dilemma, genau damit umgehen zu müssen. Ihr Zwillingsbruder starb an einem Herzinfarkt, jetzt wartet sie auf ein Signal von ihm aus dem Jenseits – oder Diesseits, das ist ihr eigentlich egal. Aber wann ist ein Zeichen ein Zeichen? Gespenster erscheinen ihr, sie sind bedrohlich und gruselig, spucken Ektoplasma – aber Maureen will mehr, sie ist sich nicht sicher: ewig aufgeschobene Endgültigkeit, ewig Beinahes.

Um sich das Leben in Paris zu finanzieren, arbeitet die Amerikanerin als Personal Shopper. Das ist jemand, der für jemand anderen, in diesem Fall für Kyra (Nora von Waldstätten), deren Beruf es offensichtlich ist, angezogen zu sein, einkaufen geht, das heißt teure Klamotten und Schmuck aus Mailand oder London abholt und der Chefin in die Wohnung schleppt. Der Kapitalismus hat sich derart verengt und verdichtet, dass sogar der Konsum outgesourct wird.

Nie sehen wir die Pariser Fashionwelt, höchstens einmal in einer Bilderreihe auf Google; immer nur sehen wir Maureen, immer nur – und es könnte ewig so weiter gehen – Kristen Stewart, burschikos, schön, die Haare zurückwerfend, manchmal blass, oft erledigt, verschlossen, offen, einmal nackt, ängstlich, erregt, gelangweilt, aufschauend. Vor barocker Musikkulisse düst sie auf dem Moped durch die abenddämmerde Stadt – am Handgelenk die roten Täschchen und Tüten mit dem ganzen teuren Zeug, das sie abgeholt hat. Die Rückseite des Glamours – nicht einfach die andere, kupferne Seite der Goldmedaille, sondern überhaupt der lebendigere, schönere, rätselhaftere Ort des Systems. Der Ort der Spannung vor dem Aufdecken, vor der Koinzidenz von Handlung und Sinn, Zeichen und Bedeutung.

Paranormale Bedrohung

Die Rolle der Assistentin – schon in Assayas’ letztem Film, „Die Wolken von Sils Maria“, spielte Stewart an der Seite von Juliette Binoche eine solche – füllt diesen Ort. Die Assistentin sprengt die Welt in ihre einzelnen Sinnschichten und lässt sie in ihrer ganzen Rätselhaftigkeit hinunterregnen. Auf einer Shoppingreise wird Maureens iPhone zum Geistermedium: paranormale Bedrohung oder Flirt mit einem Unbekannten? Maureen gibt sich der Ungewissheit hin. Als Assistentin, als Personal Shopper markiert sie ein Dazwischen: zwischen der Arbeiterin und der Konsumentin, der Welt und ihren Systemen, der Gesellschaft und ihren Geistern, zwischen den Geschehnissen und ihrem Sinn, den Vorder- und den Rückseiten.