Mit besonderem Blick für Berlin: die Pet Shop Boys
Foto: John Wright

BerlinWer hätte das gedacht? Da rattern also seit zehn Jahren die Pet Shop Boys die U1 bis zur Warschauer Straße lang, gleichsam an meinem Wohnzimmer vorbei. Und ich habe  nichts gewusst! Nun haben sie es mit ihrem 14. Album amtlich gemacht, auf dem sie von der „Partyline“ singen. 

Ein Jahrzehnt ist es her, dass sich Neil Tennant und Chris Lowe, die ihr Duo seit 1981 und gut 100 Millionen verkauften Alben betreiben, hier Wohnungen kauften – Uhlandstraße, Nollendorffplatz, Hallesches Tor, last exit Berghain. In dieser Zeit haben sie in Berlin vier ihrer feinen Dancepop-Alben geschrieben, zuletzt die „elektronisch“ genannte Trilogie, die sie nun mit „Hotspot“ abschließen.

Keine Lust zum Tanzen

Berlin dient ihnen vor allem als Zweitwohnsitz, und „Hotspot“ ist das erste Album, das sie hier auch aufgenommen haben, in den berühmten Hansastudios am Postdamer Platz, dessen ehemalige Maueraura David Bowie 2013 mit schmerzlichem Blick auf die vergangene Jugend besungen hat.

Bevor man ins Taumeln darüber gerät, dass zwei Londoner Poplegenden offenbar dem Partyglamour unsrer kleinen Metropole erliegen: Sie schätzen hier nicht zuletzt die Ruhe und das Grün. Einer der Titel handelt denn auch von jemandem, der keine Lust hat, auszugehen und zu tanzen. Auch David Bowie hielt sich hier bekanntlich nicht wegen des Thrills der Nacht auf, sondern war wie Iggy Pop aus Detox-Gründen hergezogen.

Im Gegensatz zu den Berlin-Alben von Bowie, Pop, Depeche Mode und auch U2 haben sich die Pet Shop Boys in den Hansastudios nicht eingemietet, weil sie sich Neuorientierung nach Absturz oder Flop erhofften. Sie fanden einfach deren analoge Stimmung gut und haben sich halt den Produzenten ihrer Trilogie, den von Popgrößen wie Madonna, Killers und Take That bekannten Stuart Price hergeholt.

Griffige Melodien

Die Old School-Elektronik ändert dabei natürlich die Farben der Sounds; dennoch klingt „Hotspot“ vor allem genau wie ein Album der Pet Shop Boys. Dazu gehört auch mindestens ein jenseits aller modischen Erwägungen großartiger Popsong. Auf „Super“, dem Vorgänger von 2016, übernahm den Job das herrliche „Popkids“, hier kommt er zum Einstieg mit dem U1-Song „Will o’ the Wisp“, wahlweise Irrlicht oder Schimäre: Das Stück wurde angeregt von einer Erinnerung des britischen Schriftstellers Christopher Isherwood, der 1952, bei der Rückkehr ins 1933 verlassene Berlin einen früheren Geliebten wiedererkennt, der ihn jedoch ignoriert – vielleicht, weil er mittlerweile, so der Song, ein Beamtenleben mit Frau und Kindern führt.

In diesem Titel fällt ungefähr alles zusammen, was die PSB seit ihrem ersten Hit 1985 ausmacht: Griffige Melodie, umstandsloses Bassdrum, markante Hymnenmarker, und dazu die zart-melancholische Distanz in der Stimme Tennants, der ganz unmittelbar erzählt, aber die Erzählung weit in Geschichte und Gegenwart öffnet. Das Stück zitiert deutlich den Europop der 80er-Jahre.

Queere Ästhetik mit popoffenem Herz

Die zischenden Drums und die Synthies wirken auf ältere Hörer wie der Biss ins Laugenbrötchen für viele Prä-Mauer-Kreuzberger. Doch zugleich klingt es eben auch unangestrengt frisch. Wie das ganze Album. Nur „Wedding in Berlin“, ein privates Hochzeitsgeschenk für einen befreundeten Künstler, das Bassdrum und Mendelssohn Bartholdy mischt, nicht so. Sonst jedoch hört man süßest verwischte Liebesballaden, die von Spaziergang und Kaffee und Kuchen erzählen; einen Song mit knackigstem Discobass mit Streichern und federnden Synthies, die mit eher eher grimmiger Emphase von berechnendem Partyhedonismus berichten. Mit den Neo-Synthpoppern Years & Years unternehmen sie einen Ausflug in ein romantisches „Dreamland“ (im Video: eine U-Bahnstation) aus sehr druckvoll drahtigen Bass und Drums und einem Refrain mit Sachertorten-Fanfare.

Je nach Hörerlage verewigen sie darin die clubutopischen Verheißungen, verwerfen den Brexit oder befördern die jeweiligen Traumländer sehr weit ins Jenseits. Sie gehören ohne Zweifel zu den intelligenteren Agenten im oberen Popsegment. Man sollte nicht vergessen, dass hinter den Ambivalenzen ihrer Texte immer eine recht konkrete Politik stand, und dass nicht zuletzt die Verbindung einer queer codierten Ästhetik mit einem popoffenen Herz am linken Ort ihren ikonischen Stand begründen. Für den Fall haben sie im letzten Frühjahr ein paar ganz explizit politische Polemiken auf einer „Agenda“ betitelten EP veröffentlicht. Tatsächlich jedoch gibt es auf diesem Album viele Hinweise auf verlorene Zeiten und die Fragwürdigkeit der Erinnerung. Tennant schreibt stets aus Fremdperspektive. Aber wie in der Single „Burning the Heather“ die Zeit vergeht und der Herbst mit brennendem Heidekraut begrüßt wird, lädt natürlich dazu ein, den echten, 65-jährigen Pet Shop Boy dahinter zu vermuten.

Neben der konzeptuellen Sehnsucht im Tonfall unterstützt das auf dieser schönen Single auch die akustische Gitarre, die in diesem trilogisch-elektronischen Zusammenhang so klingt, als wolle man einfach mal keine Zeit mehr damit verschwenden, alberne Vorsätze und Konzepte zu erfüllen. Bis vielleicht am Ende dieses: Der junge Mann, der in „I Don’t Wanna“ nicht tanzen will, verliebt sich schließlich in einen Song und lernt, „dass der Rhythmus ein Tänzer ist – und ein Nein lässt er nicht gelten.“