Pet Shop Boys im Tempodrom Berlin: Viele Gänsehautmomente

Ein Segen, dass es in diesen von verschleppten Erkältungen und heraufziehender politischer Finsternis geprägten Tagen die Pet Shop Boys noch gibt. Lediglich ein seelenloser Irrer würde zögern, im 1981 von Neil Tennant und Chris Lowe in London gegründeten Duo die beste noch aktive Popgruppe des Planeten zu sehen – jedenfalls für die älteren unter uns: Natürlich waren am Donnerstagabend wenig Menschen unter 40 ins Tempodrom gekommen. Dabei könnten die Pet Shop Boys vielleicht auch unserer bemitleidenswerten, an hektischer Internet-Hybridkultur geschulten jüngeren Generation etwas sagen; jedenfalls vermengt die Band ihrerseits seit jeher schon so einiges: Kunstaffinität mit Bummstechno, grelles Visuelles mit grauen Alltagsbeobachtungen, Ironie mit Melancholie, Cleverness mit kompletter Arroganzvermeidung.

Kein „Twenty-something“, kein „Enigma“

Ein wenig schade also, dass beim Berliner Konzert das hervorragende, an junge Leute gerichtete Stück „Twenty-something“ vom aktuellen Album „Super“ fehlte, eine zu merkwürdig trashigen Balkan-Rhythmen gesetzte Darstellung existenzieller Sozialmedien-User-Sorgen („will your ideas ever trend?“). Ebenfalls leider nicht gespielt wurde das zuvor auf Fan-Foren im Internet angemunkelte „Enigma“, während dessen angeblich nicht Tennant, sondern Chris Lowe singen sollte, was einer Sensation gleichgekommen wäre – besteht Lowes Bühnenrolle doch seit jeher darin, in den mehr oder weniger wahnsinnigen Bühnenoutfits der jeweiligen Tour am Keyboard zu stehen und rein gar nichts zu tun.

Dies tat er auch im Tempodrom, während Kollege Tennant oft gemessen, aber strahlend den Bühnenrand abschritt und dabei gelegentlich wie ein zufriedener Musiklehrer den Takt auf dem Schenkel mitklopfte. „Sehr gut“, lobte er denn auch das Publikum, als es in der Zugabe „Domino Dancing“ den Refrain übernahm. Einer der vielen so genannten Gänsehautmomente; die Pet Shop Boys verfügen über eine schier unendliche Reihe intelligenter Elektro-Pop-Hits - derer sie viele darboten: „West End Girls“, „Left To My Own Devices“, das Village-People-Cover „Go West“ und so weiter.

Überdimensionale Ikea-Lampenschirme

Dabei umrahmten sie sich mit einer zyklisch inspirierten Ästhetik: Kreise wurden auf die Leinwand hinter der Bühne projiziert, große, kleine, Monde, Sonnen. Die Band trug über lange Strecken Blechkugeln auf dem Kopf, am Ende hingen bunte Kugeln über der Bühne, ähnelten dabei überdimensionalen Ikea-Lampenschirmen und brachten so die paradoxe Essenz der Pet Shop Boys, nämlich das andersweltlich Mondäne, perfekt zum Ausdruck. Selbst das Programm war zyklisch, am Ende der Zugabe kam eine Reprise der früh gespielten, aktuellen Single „The Pop Kids“.

Doch vermisste man ein wenig die bei vergangenen Produktionen häufig eingesetzten Tänzer und Bühnentricks – etwa die fleddernd orangenen Gnom-Derwische, die das Duo beim Berlin Festival 2013 umwirbelten, oder die senkrecht aufgestellten Betten, in denen Tennant und Lowe damals „Love etc“ performten. Kaum eine Band versteht es, die nah verwandten Felder sinnüberhöht beeindruckender Performance-Kunst und quatschiger Popbühnenshow so geschmeidig zu durchpflügen wie die Pet Shop Boys.

So erschien heuer das Hinzufügen dreier Bühnenmusiker, die trotz sichtbarer Aktivität kaum zu hören waren, vergleichsweise prosaisch. Vielleicht dachten dies auch die fünf Leute im Publikum, deren lange, spitze Zauberhüte denen ähnelten, die die Pet Shop Boys anlässlich ihres visuell besonders bizarren Kurzauftritts bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in London getragen hatten.

Geniale Vermengung von Konzeptkunst und Popquark

Aber egal, die Hits sprachen für sich selbst. Und bei „Love Is A Bourgeois Construct“ kam dann doch hörbar eine live gespielte und vom Mischpult aus manipulierte Elektro-Geige recht effektiv zum Einsatz. Überhaupt repräsentiert dieses Stück vom 2013er-Album „Electric“ eben jene geniale Vermengung von Konzeptkunst und Popquark besonders gut– wer sonst singt schon die Worte „Liebe ist ein bürgerliches Konstrukt“, während ein Großraumdiskobeat ein Henry-Purcell-Zitat unterlegt und wird damit im Radio gespielt?

Überhaupt singt niemand so über die Liebe wie Neil Tennant, so trocken, ironisch, gleichsam zärtlich und tieftraurig, mit seiner eher dünnen, ja eigentlich nicht wirklich guten Stimme, die seit jeher so erfrischend direkt, gegenüber aller wissenden Kunstbeflissenheit und Pop-Künstlichkeit so ehrlich imperfekt klingt, wie sie eben klingen muss, um Verzweiflung, Einsamkeit, Erwartung, Unsicherheit nahegehend auszudrücken.

Nirgends funktionierte das am Donnerstagabend wie bei „It‘s A Sin“. Dies in den Achtzigern als Hymne wider homophobe Repressalien von gesellschaftlicher und kirchlicher Seite gedachte Stück wurde besonders begeistert vom gesamten Publikum mitgesungen. Vielleicht sprach es einen besonders deutschen Schuldkomplex an, gepaart mit Angst vor den Repressalien einer neuen, rechten Weltordnung? Vielleicht eine vermessene Vermutung. In jedem Fall scheinen die Menschen über 40 die Pet Shop Boys mehr denn je zu brauchen.