Im Berliner Demonstrationswesen war Peter Grottian über viele Jahrzehnte eine feste Größe. Bei den obligatorischen Zusammenkünften zum 1. Mai ohnehin. Seine Lust auf gesellschaftspolitisch manifestierten Widerspruch war leicht zu entfachen. Die Solidarität mit Hausbesetzern, die Machenschaften, die zum Berliner Bankenskandal führten, Hartz-IV-Proteste – oft fand man Peter Grottian in der ersten Reihe, nicht selten war er der Initiator des gebotenen Widerstands unter Berufung auf die Demonstrations- und Meinungsfreiheit.

Wenn es ihm wichtig schien, war er auch bereit, die rechtlichen Grenzen, zumindest ein bisschen, zu überschreiten. So erhielt er 2004 einen Strafbefehl über 3000 Euro, weil er die Berliner Bevölkerung zu massenhaftem Schwarzfahren aufgerufen hatte. Juristisch gesprochen lautete der Vorwurf, öffentlich durch Verbreiten von Schriften zu einer rechtswidrigen Tat, nämlich zum Erschleichen von Leistungen, aufgefordert zu haben. Auslöser für Grottians Aktion war seinerzeit die Abschaffung des sogenannten Sozialtickets durch die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), für Grottian nur eine von vielen „sozialpolitischen Schweinereien“.

Peter Grottian, 1942 in Wuppertal geboren, hatte in den politisch bewegten 60er-Jahren Sozialwissenschaften in Berlin und Freiburg studiert, ehe er 1973 in der westfälischen Provinz in Bielefeld im Fach Politikwissenschaft promoviert wurde. Hochschulpolitisch aber wurde Bielefeld bald zu einer wichtigen Adresse, hier lehrten u. a. die Soziologen Jürgen Habermas und Niklas Luhmann.

Der Widerstreit der Theorien aber war für Peter Grottian eine eher nachrangige Angelegenheit. Als Professor der Politologie am Berliner Otto-Suhr-Institut, dem berühmten Osi, war er zwischen 1979 und 2007 stets darum bemüht, auch die praktische Seite des politischen Handelns zu vermitteln. Grottian engagierte sich in zahlreichen Initiativen, u. a. dem Komitee für Grundrechte und Demokratie. Als der Datenschutz zu einem wichtigen gesellschaftspolitischen Thema wurde, gehörte er zu den Unterstützern der Demonstration „Freiheit statt Angst“. Dass sein Engagement nicht unbegründet war, schien sich kurioserweise durch den Verdacht zu bestätigen, dass Grottian vom Verfassungsschutz des Landes beobachtet worden sei. Akten über den Vorgang ließen sich jedoch nie finden. Auch nach seiner Emeritierung im Jahr 2007 blieb Grottian, der für viele seiner Studenten ein Vorbild war, politisch aktiv. Noch im Jahr 2018 rief er beispielsweise zu Feldbesetzungen gegen das Pestizid Glyphosat auf. Am Donnerstag ist Peter Grottian im Alter von 78 Jahren in Bregenz gestorben.