Gespenstisch leer war es in Barcelona in diesem Frühling. Gespenstische Gedanken befallen den Helden in Peter Hennings Roman. 
Foto: Imago Images/Jordi Boixareu

BerlinLennart Halm, Dozent für Kreatives Schreiben in Köln, muss einen Schock hinnehmen: Sein Zwilling, seine Schwester Luise, ist einem Terroranschlag in der U-Bahn von Barcelona zum Opfer gefallen. Natürlich fährt er hin, entsetzt, aber neugierig, auch um Dinge in die Hand zu nehmen, Wohnung, Nachlass. Bei Gesprächen mit der Polizei, den Nachbarn, Freunden kommen Geschichten hoch, vergessene, verdrängte Geschichten von der aufsässigen Schwester mit dem ganz eigenen Willen. Bei den Fahndern im Kommissariat muss er dann erfahren, dass Luise in den vergangenen Jahren ein ganz anderes, ihm unbekanntes Leben geführt hat. Schließlich kommt es ganz dick …

Ein Kriminalroman ihm engeren Sinne ist Peter Hennings „Die Tote von Sant Andreu“ nicht, eher ein Spannungsroman, der sehr gekonnt und konsequent mit dem Mittel des langsamen Aufdeckens, der allmählichen Enthüllung spielt. Henning, Jahrgang 1959, in Köln lebender Schriftsteller mit breit gefächertem Werk, tastet sich behutsam in die Katastrophe hinein, öffnet den Hallraum des Vergangenen und den gähnenden Schlund des Gegenwärtigen angesichts einer persönlichen Katastrophe, die letztlich auch eine Hinterfragung der eigenen Nachlässigkeiten provoziert. Am Ende lauert die Frage nach den möglichen Abgründen des Nonkonformismus. Hochaktuell und sehr bitter.

Peter Henning:
Die Tote von Sant Andreu

Roman. Transit, Berlin 2020.
176 S., 20 Euro

Ein Spiel mit dem Begriff der Wahrheit

Kann man seinem eigenen Kind den Tod wünschen, weil man die Behinderung, den Autismus nicht mehr erträgt? Kann man sogar noch einen Schritt weitergehen … ? Als in der Druckkammer für hundertprozentigen Sauerstoff – umstrittene Therapie auch gegen Autismus – draußen im ländlichen Virginia zwei Leute ums Leben kommen, weil jemand Feuer gelegt hat, fällt der Verdacht auf Elizabeth. Jetzt steht sie vor Gericht, und niemand gibt mehr einen Pfifferling auf sie, denn viele haben gehört, wie sie ihren Sohn verfluchte.

Angie Kim, US-Amerikanerin mit koreanischen Wurzeln, treibt ihn ihrem sensationellen Debüt „Miracle Creek“ ein Spiel mit dem schillernden Begriff der Wahrheit. Je weiter die Befragung der Prozessbeteiligten geht, desto löchriger werden die Gewissheiten, bis schließlich alle aus den unterschiedlichsten Gründen gezündelt haben könnten, ist doch nichts so mächtig wie kleinliche Eifersucht, Neid und besserwisserische Überheblichkeit. Dass Kim mit „Miracle Creek“ jedoch nicht nur einen überaus spannenden Gerichts-Thriller, sondern auch noch einen blitzsauberen Roman über die Macht kultureller Differenzen und die Schwierigkeiten der Anpassung im Neuen liefert, macht das Buch zu einem erstklassigen Leseerlebnis, und man verzeiht ihr gern den überbordenden Hang zum Melodramatischen.

Angie Kim:
Miracle Creek

Roman.
Aus dem Englischen von Marieke Heimburger.
Hanserblau, Berlin 2020.
507 S., 22 Euro