Peter Høeg: Der Susan-Effekt: Wer Fräulein Smilla mochte, mag auch Susan

Über 20 Jahre ist es her, dass Peter Høeg mit „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ weltbekannt wurde. Nun hat der Autor wieder einen Krimi geschrieben, dessen Heldin eine starke Frau ist und dessen Handlung die Wirklichkeit überspitzt und mit viel Ironie auf die Probe stellt.

Die Experimentalphysikerin Susan Svendson gehört zur Vorzeigegesellschaft Dänemarks, gemeinsam mit ihrem Mann Laban – einem berühmten Komponisten – und den 16-jährigen Zwillingen Harald und Thit. Doch wie so oft täuscht die Fassade. Während eines Forschungsaufenthalts in Indien kommen sämtliche Familienmitglieder, nun, man könnte sagen, ein wenig vom Weg der Moral ab. Mutter Susan landet nach einem Mordversuch an einem Liebhaber im indischen Gefängnis. Vater Laban wird von der indischen Mafia verfolgt, weil er sich mit der Tochter eines Maharadscha eingelassen hat. Sohn Harald sitzt wegen Antiquitätenschmuggels ebenfalls im Gefängnis, und Tochter Thit ist in jugendlicher Leichtsinnigkeit und abenteuerverliebt mit einem Priester aus Kalkutta durchgebrannt.

Intimste Details

Das Drama wird scheinbar schlagartig gelöst, als Thorkild Hegn, Mitarbeiter des dänischen Geheimdienstes, die Familie von heute auf morgen vor der indischen Justiz rettet und zurück nach Kopenhagen holt. Selbstverständlich nicht aus Nächstenliebe – nein, die Physikerin Susan soll als Gegenleistung wichtige Unterlagen über eine sogenannte Zukunftskommission beschaffen, die zwischen 1972 und 1974 tätig war. Die Kommission hat Ereignisse wie den Irakkrieg oder die Finanzkrise mit erstaunlicher Genauigkeit vorhergesagt – und ein ganz böses Ende für die heutige Welt prophezeit. Um was es dabei konkret geht, soll Susan herausfinden. Denn die nüchterne Wissenschaftlerin besitzt eine besondere Eigenschaft: Ihre Ausstrahlung bringt Menschen dazu, ehrlich zu sein und ihr intimste Details aus dem eigenen Leben preiszugeben. Wie das funktioniert, weiß Susan selbst nicht, aber diese Eigenschaft gibt dem Buch auch den Titel: „Der Susan-Effekt“.

Der Täter ist nicht zimperlich

Schon ist man mitten im Chaos, und an Action mangelt es nicht. Denn so einfach wie es klingt, gestaltet sich die Beschaffung der Unterlagen zur Zukunftsmission natürlich nicht. Ganz im Gegenteil – Susan muss bald feststellen, dass das Böse ihr beim Aufsuchen der Kommissionsmitglieder immer einen Schritt voraus ist. Ein Mitglied nach dem anderen wird ermordet, und der Täter ist nicht zimperlich. Da spritzt das Blut durchs Zimmer, liegt Hirn auf dem Boden, wird ein Mann in eine Waschmaschine gequetscht, und wenn ihn nicht schon das getötet hat, dann spätestens der Kochwaschgang. Nicht nur dem Leser kann an der einen oder anderen Stelle ein wenig flau im Magen werden, auch Susan wird ab und zu schlecht, doch die Wissenschaftlerin reduziert das Phänomen Übelkeit auf eine rein biologische Begebenheit jenseits von Emotion: „Es muss ja einen Grund gehabt haben, dass man nicht Schlachter oder Chirurg geworden ist“.

"Jetzt erst recht!"

Høeg erzählt die Geschichte aus der Ich-Perspektive seiner Heldin. Das wirkt bisweilen verstörend, eine richtige Nähe zu Susan will sich beim Lesen nicht einstellen. Susan baut ihre Welt auf Wissenschaft und Physik. In ihrer Heimatstadt Kopenhagen orientiert sie sich an den wissenschaftlichen Einrichtungen, sie sind ihr Stadtplan. Auch die Brutalität, die ihr bei der Suche nach der Zukunftsmission begegnet, steckt sie scheinbar unberührt weg. Nachdem sie nur knapp einem Mordversuch entgeht, denkt sie sich: „jetzt erst recht!“ Und wenn sie von einem besonders unappetitlichen Tatort nach Hause zurückkehrt, backt sie erst einmal mitten in der Nacht Croissants, damit die Familie beim Krisenrat auch was im Magen hat.

Ja, die Handlung nimmt bisweilen schräge Wendungen und überstürzt sich. Høeg führt Susan vom Drama in Indien zur drohenden Apokalypse in Europa und hinein in verschwörerische Pläne der dänischen Politik, die Elite des Landes – und nur diese – vor dem drohenden Weltuntergang zu retten. Das ist skurril und liest sich stellenweise fast wie ein Fantasy-Roman, doch hinter den Überspitzungen und der Skurrilität liegt eine Metaebene, auf der Hoeg doch wieder ganz real Kritik übt. „Der Susan Effekt“ ist nicht nur ein Thriller, sondern darüber hinaus eine ironische Satire auf die Gegenwartsgesellschaft, eine politische Kritik und eine philosophische Abhandlung über Liebe, Familie, Ehe und die Physik.

Vor allem aber ist das Buch so spannend, dass man es nicht aus der Hand legen möchte. Und wer „Fräulein Smilla“ mochte, wird auch Susan lieben. Denn 23 Jahre nach Smilla Jaspersen, sieht auch Susan sich einer Welt gegenüber, in der absolut nichts so ist, wie es scheint. Die Wirklichkeit ist eine dünne Wand, und dahinter herrscht das Chaos.

Peter Høeg : Der Susan Effekt. Aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle. Hanser, München 2015. 400 S., 21,90 Euro.