Peter Scholl-Latour kennen wir alle. Manche von uns kennen ihn seit mehr als 50 Jahren. Wir haben ihn gesehen, als er Anfang der 60er-Jahre für die ARD aus Afrika berichtete, wir sahen ihn als Paris-Korrespondenten erst der ARD, dann des ZDF. Wir waren dabei – vor den Bildschirmen –, als er zusammen mit seinem Team 1973 eine Woche lang Gefangener des Vietcong war. Er berichtete aus Kambodscha und China.

Wir haben nicht vergessen, dass er Ayatollah Chomeini aus dem Pariser Exil nach Teheran begleitete, und wir haben uns daran erinnern lassen, dass Scholl-Latour sofort wieder zurückflog, um – das war 1979, also vor den neuesten Revolutionierungen der Kommunikationstechnologien – wieder in einem Studio zu sein, um als erster Filme der iranischen Revolution auf die Bildschirme schicken zu können. Wir waren auch dabei, wie er mit Gulbuddin Hekmatyar, dem radikalislamistischen afghanischen Paschtunen, sich angeregt unterhielt. Er wies gerne darauf hin, wie gut sein Verhältnis zu dem einst von den USA für den Kampf gegen die Sowjets aufgerüsteten Terrorkämpfer war.

Fallschirmjäger bei den französischen Truppen

Nicht mehr dabei waren wir bei den Talkshows der letzten Jahre. Das Wort „Ich“, das schon immer eine große Rolle gespielt hatte, übernahm jetzt die Führung. Außerdem war die grantelnde Besserwisserei schwer zu ertragen. Nicht zuletzt darum, weil er so oft recht hatte. Er hatte es während des Vietnamkrieges schon gehabt. Als die bundesrepublikanischen Medien noch davon ausgingen, dass die USA diesen Krieg auf jeden Fall gewinnen würden, meldete Scholl-Latour Zweifel an. Die beruhten nicht nur auf der Analyse der aktuellen Situation, sondern in die waren die Erfahrungen eingegangen, die Scholl-Latour in den Jahren 1945–1946 als Fallschirmjäger bei den französischen Truppen sammelte, die vergeblich versucht hatten, mit den Truppen Ho Chi Minhs fertig zu werden.

Da waren wir nicht dabei. Die Wahrheit ist: Wir kennen Peter Scholl-Latour nicht. Wir kennen seinen Bildschirm-Avatar und den seiner Bücher. Sein Leben vor dieser Zeit kennen wir nur aus seinen Erzählungen. Soweit ich weiß, hat das niemand recherchiert. Niemand hat in Stadtarchiven, Gemeindeämtern etwa nach der Familie seiner jüdischen Mutter geforscht. Kamen die mütterlichen Verwandten in die KZs? Wurden sie umgebracht in den Vernichtungslagern der 40er-Jahre?

1943 in Kassel Abitur gemacht

Nach den Nürnberger Gesetzen war Scholl-Latour Halbjude. Wie konnte er 1943 in Kassel Abitur machen? Wie geriet er bei dem Versuch, ins französisch kontrollierte Gebiet zu kommen, in die Fänge der Gestapo? Das alles schildert er fesselnd. Aber niemand ist diesen Geschichten nachgegangen. Eine Scholl-Latour-Biographie wäre die Geschichte einer ganzen Reihe der wichtigsten Konfliktzonen der Welt zwischen 1940 und 2000. Es wäre auch ein Nachruf, auf eine ausgestorbene Art des Journalismus.

Scholl-Latour war neugierig. Er wollte sehen, anfassen, schmecken. Als WDR-Fernsehdirektor hielt er es nur zwei Jahre, als Chefredakteur des Stern und Vorstandsmitglied des Verlages Gruner + Jahr nur ein Jahr aus. Oder hielten es die Institutionen mit ihm nicht länger aus? Nach 1988 berichtete Scholl-Latour aus fast aller Welt in – ich weiß nicht wie vielen – Fernsehbeiträgen und in mehr als dreißig Büchern. Das erste von ihnen war schon 1961 erschienen: „Matata am Kongo“. Sieben Jahre, nachdem er an der Sorbonne sein Studium mit einer Doktorarbeit über den nazitreuen Bedichter soldatischer Tugenden Rudolf Georg Binding (1867–1938) abgeschlossen hatte.

Scholl-Latour wollte sehen, anfassen, schmecken? Ja. Aber gleichzeitig war er blind und taub für alles, was seinen Vorurteilen widersprach. So sehr ich Scholl-Latour bewundere dafür, dass er sich unentwegt in Bewegung setzte und alle kennenlernte, die er kennenlernen wollte, dass er sich fortwährend klar werden wollte über die unterschiedlichsten Situationen und ihren Zusammenhang mit viel früheren Ereignissen, so fatal verkehrt und rassistisch empfinde ich es, wenn er zum Beispiel von Afrika als einer „prähistorischen Unterwelt“ spricht, von „urzeitlichen Stammesfehden“ und „ungezügelten Raubinstinkten“.

Er war ein Besserwisser

Scholl-Latour war ein Überbleibsel, ja eine Nachgeburt des europäischen Kolonialisten im postkolonialistischen Zeitalter. Er hat die Abenteuerlust, den Geschmack an den Kämpfen Mann gegen Mann, wie er sie in Vietnam als französischer Soldat – wenn wir seinen Geschichten trauen wollen – erlebte, verbunden mit den modernen Medien. Wenn er vor den Kameras stand, stand da ein Krieger, der aus den Kriegen der „Nachkriegszeit“ berichtete. Das hat sicher ganz wesentlich zu seinem Erfolg beigetragen.

Er war nicht gegen den Krieg, höchstens mal gegen diesen oder jenen. Meist aber war er gegen die Art wie er geführt wurde. Er wusste – fast – immer, wie man dort oder dort besser interveniert, wie man effektiver vorgegangen wäre. Er war kein Welterklärer. Er war ein Besserwisser. Ein Generalstabsoffizier, der seinen Hörern erklärte, was zu tun sei. Im Fernsehen knapp und zackig, in den Büchern mit entfesselter Redseligkeit. Dort herrschten dann gerne die Klischees eines längst untergegangen Europas. Der Katholik Scholl-Latour hätte an dieser Stelle von Abendland gesprochen.

Mit Scholl-Latour hatten die Deutschen einen, der ihnen die Welt aus der Perspektive eines Kolonialoffiziers erklärte. Eines Mannes also, der seine natürliche Überlegenheit gerne demonstrierte, der zeigte, dass er sich bestens mit den Eingeborenen verstand, ihnen aber nie auf den Leim ging und sie und ihre finsteren Machenschaften bestens durchschaute.