Manche Lieder sind ganz schlimm. Sie treffen mitten ins Herz, und hinterher schämt man sich, überlebt zu haben. Denn heftige Gefühle, die kein Opfer fordern, sind sentimental. Der Tenor Peter Schreier aber hat es immer verstanden, solche Lieder zu singen und den Hörer zu treffen, ohne dass man sich schämen muss. Weil nämlich Erschütterungen zum Leben gehören und weil es eine große Leistung ist, ihnen eine Form zu geben, statt sich nur hinreißen zu lassen.

„Die alte Mutter“ aus den „Zigeunerliedern“ op. 55 von Antonín Dvorák ist so ein schlimmes, schönes, ganz gefährlich süßes Lied: „Als die alte Mutter mich noch lehrte singen, sonderbar, dass Tränen ihr am Auge hingen. Jetzt die braunen Wangen netzen mir die Zähren, wenn ich will die Kinder Sang und spielen lehren“. Butterweich und sirupsatt tropft diese Musik in traurig-trauten Quintfallsequenzen herab. Schreier schluchzt nicht mit. Es reicht, dass die ganze Melodik und Harmonik im Wiegenliedsechsachteltakt schluchzt. Er konzentriert sich auf die strenge Durchformung der Gesangsphrase, an deren Ende jeweils ein Quartsprung aufwärts und ein Oktavsprung abwärts stehen.

Kleine Triolen

Blitzsauber gelingt ihm das, ohne Abreißen der Linie, weich im Ton. Mit Präzision, mit Technik als unverbrüchlichem Grund des Ausdrucks, durcheilt er auch die kleinen Triolen aufwärts, die in der zweiten Strophe, den Quartsprung überbrücken. Leicht klingt das, zärtlich, still, hell, nicht rührselig. Diese Tränen haben etwas Beiläufiges, sehr Natürliches. Man nimmt sie hin – wie den Regen.

Vielleicht liegt es daran, dass Peter Schreier auf dem Dorf groß wurde: in Gauernitz bei Meißen. Wer vom Dorf kommt, dem ist Rührseligkeit meist fremd. Sentimentalität gilt als Erfindung der Städter. Vielleicht liegt es auch daran, dass Schreier als Sohn eines Kantors die eigenen Gefühle immer schon durch gute Musik begreifen lernte – erst recht, nachdem er Mitglied des Dresdner Kreuzchores geworden war. Bereits 1943 stand er in der noch unzerstörten Frauenkirche und ließ seine Kinderstimme hören im Eröffnungschor der „Matthäus-Passion“ von Johann Sebastian Bach, beim Choral: „O Lamm Gottes, unschuldig am Stamm des Kreuzes geschlachtet“.

Im Jahr 1957 sang er dann erstmals die Partie, die er so tief prägen sollte wie kein anderer Sänger neben ihm: den Evangelisten in Bachs „Matthäus-Passion“. Aus dem unbeteiligten Beobachter machte Schreier mit den Jahren einen engagierten Berichterstatter, der durch seine Erzählung Gegenwart werden lässt, wovon er erzählt. Die Deutlichkeit seiner Aussprache bei gleichzeitig packender Malerei der Stimme sind beispielhaft für die Folgegenerationen geworden. Schreier hat es verstanden, den Evangelien-Bericht mit dem Ernst eines Dokuments zu singen, das etwas beglaubigen soll, und sich zugleich mit dem Herzen auf die Nachfolge Jesu in dieser Leidensgeschichte zu begeben. Diese Doppelung, die Autorität eines Textes zu stärken und zugleich die eigene Beteiligung nicht zu verweigern, zeichnet die musikalische Arbeit Schreiers in allen Fällen aus. Sie machte ihn, neben Dietrich Fischer-Dieskau oder Elisabeth Schwarzkopf, zu einem der größten Lied- und Oratoriensänger des zwanzigsten Jahrhunderts.

Weltweiter Ruhm

Auf der Opernbühne war Peter Schreier als Mozart-Tenor zu frühem Ruhm gelangt und ein Export-Künstler der DDR geworden. Der Dirigent Herbert von Karajan überredete ihn, auch Partien von Richard Wagner zu singen. Peter Schreier, dem Dirigenten Otmar Suitner und dem Intendanten der Berliner Staatsoper Hans Pischner war es zu verdanken, dass die Oper „Palestrina“ von Hans Pfitzner in der DDR weiterleben konnte.

Schreier beschränkte sich nicht aufs Singen. Als Dirigent der Kirchenmusik von Bach, Mozart oder Haydn führte er die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis, die er durch seine Begegnungen mit Dirigenten wie Ton Koopman oder Nikolaus Harnoncourt erworben hatte, zusammen mit der Tradition des sächsischen Kantorei-Stils, in der er selbst wurzelt. Chöre beschreiben immer wieder, wie bereichernd und angenehm die Probenarbeit mit ihm ist. Im Dezember 2005 hatte sich Schreier als Sänger von der Öffentlichkeit verabschiedet. Als Dirigent und in öffentlichen Meisterkursen hat man ihn in den letzten Jahren noch ab und an erleben dürfen. Heute wird dieser singende Denker achtzig Jahre alt.