In seinem kürzlich erschienenen Buch  „Was geschah im 20. Jahrhundert?“ konstatiert der Philosoph Peter Sloterdijk den Zerfall der Linken; der gegenwärtige Absturz der SPD in Umfragen scheint ihm recht zu geben.

Hat die Sozialdemokratie sich bereits im 20. Jahrhundert überlebt?

Die herkömmliche Linke war die politische Speerspitze einer gesellschaftlichen Entwicklung, in der das vielzitierte Proletariat die Mehrheit bildete. Die übrigen Lohnabhängigen, namentlich die wachsenden Kreise der Angestellten, waren zu guten Anteilen in die sozialdemokratische Klientel eingemeindet. Heute jedoch  ist das Merkmal Lohnabhängigkeit kein zureichendes Motiv  für die Bindung an die alte Partei mehr. Immer mehr Menschen können es sich leisten, gegen ihr vermutetes „Klasseninteresse“ zu stimmen. Insgesamt  bemerkt man im aktuellen Parteiensystem, dass sich die gewachsenen Loyalitäten zwischen Wählerschaften und Parteien auflösen. Der Grund hierfür ist unter anderem darin zu suchen, dass die Politik seit Längerem, genauer seit den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts, ins Spektakelstadium eingetreten ist.  Infolgedessen benehmen sich die Wähler nicht mehr so sehr als politische Ensembles, sondern wie ein Publikum.

Mit welcher Konsequenz?

Vor allem dieser, dass die herkömmlichen Loyalitätswähler von den Stimmungs- und Ausdruckswählern überwogen werden. Der heutige Bürger konsumiert Ausdruckschancen in der Wahlkabine. Diese neuartige Situation bricht klassischen Linken das Genick. Denn wenn es je eine wirkliche Loyalitätspartei gab, dann wäre es die Linke gewesen, die radikale an erster Stelle, die gemäßigte danach. Die Sozialdemokratie geht offenbar wieder einmal an ihren eigenen Erfolgen zugrunde – in dem Augenblick, wo sie überall  eingesickert ist, scheint sie in ihrer Originalgestalt überflüssig. Sie war das Therapeutikum gegen verschleppte feudale Zustände im späten 19. und Teilen des 20. Jahrhunderts. Jetzt regieren die Generika.  

Ist die Zeit der Sozialdemokratie abgelaufen?

Nein, das glaube ich nicht. Dazu sind die größeren Parteien zu resilient, sie kommen immer wieder. Man sieht das an den Liberalen, die zurzeit dabei sind, auf die Füße zu fallen, was ich im Übrigen als ein Zeichen der Gesundung begrüße. Das wird mit den Sozialdemokraten nicht anders gehen.  Nachdem die Leute die Generika ausprobiert haben, kommen sie auf das Originalmittel zurück. Das gilt im Übrigen auch für das bürgerliche Lager, wo das preisgünstige Generikum AfD momentan den Unionsparteien eine Menge Wähler abspenstig macht.

Was könnte der Grund für eine solche Rückwendung sein?

Immer mehr Menschen verstehen, dass das Zeitalter selbst uns vor die Alternative stellt, entweder Demokrat, das heißt im weitesten Sinn Sozialdemokrat, zu bleiben oder Neofeudalist zu werden. Die aktuelle geopolitische Lage sagt es unmissverständlich.  Europa ist an seiner Ostflanke  mit Initiativen zu neuen Reichsbildungen konfrontiert – als sei das 19. Jahrhundert mit wehenden Fahnen zurückgekehrt. Wieder steht ein trotziger Neo-Zarismus einem trotzigen imperialen Neo-Sultanat gegenüber. Dahinter lauert ein neu-imperialer Iran, weiter dahinter ein  imperium-trunkenes Saudi-Arabien, das Moscheen und Schulen finanziert, um islamische Ausdehnungsträume zu nähren. Kurzum,  wer die Haupt-Alternative sieht: entweder die okzidental-liberale, strukturell sozialdemokratische Gesellschaft  oder die imperial-nationalistische-neofeudale, wird mit ein wenig Besinnung die richtige Wahl treffen.

Sie postulieren die Notwendigkeit des Erdenbürgertums angesichts der globalen zukünftigen Herausforderungen wie etwa dem Klimawandel. Die SPD wäre doch hierfür ein guter Kandidat aufgrund ihrer Konzeption des Internationalismus.

Das ist richtig, doch Internationalität setzt wirksame nationale Agenturen  voraus, das vergessen die Schwärmer fürs Postnationale so leicht. Die konservative Essenz des klassischen Sozialdemokratismus zeigt sich in den Fragen, für die es jenseits  des nationalen Formats noch keine überzeugenden Antworten gibt – vor allem beim Sozialstaat. Man kann das Errungenschaftskonservatismus nennen. Wenn man einen gewissen Grad der Teilhabe an sozialen Gütern erlangt hat, entwickelt man ein Bewahrungsinteresse. Der Sozialstaat ist strukturell  konservativ-expansiv. Auch der Rechtsstaat lebt davon, dass es in jeder Generation genügend viele  Akteure gibt, die ihn erhalten und weiterdenken wollen. Ohne Errungenschaftskonservatismus kann ein Gemeinwesen unseres Typs nicht existieren, deshalb habe ich vor Kurzem eine Vokabel wie „linkskonservativ“ benutzt,  um die Gegend zu kennzeichnen, aus der ich argumentiere.  Das Echo war bezeichnend: Sobald man daran erinnert, dass gerade die progressiven politischen Systeme, und die BRD gehört dazu, Bewahrungs- und Abgrenzungsinteressen haben, heftet sich die Meute der abstrakt  Universalistischen an deine Fersen.