Peter Wawerzinek mit seiner ehemaligen Erzieherin Erika Banhardt am Kaffeetisch unter Bäumen.
Foto: Volksbühne Berlin

BerlinEr ist inzwischen über Sechzig, doch er zieht nochmal eine kurze Lederhose und ein kleinkariertes kurzes Hemd wie als Vierjähriger an, umarmt die Bäume im „Gespensterwald“ an der Ostseeküste und spricht mit den „Spürvögeln“, auf dass sie ihm Nachricht von den verschwundenen Eltern bringen. Später stellt sich der kleine-große Peter im Wald einem Raben in Menschengestalt.

„Rabenliebe“ als Befreiung von der kreativen Krise

Die vielen Leser von „Rabenliebe“ kennen Peter Wawerzineks dramatische Kindheit: Als er drei Jahre alt war, wurde er zusammen mit seiner ein Jahr jüngeren Schwester allein in der Rostocker Wohnung zurückgelassen, die Mutter ging in den Westen und kümmerte sich nie wieder um die beiden Kinder. Die Geschwister wurden getrennt, Peter kam in mehrere Kinderheime, wurde mehrfach adoptiert und bekam von seinen Adoptiveltern seinen Nachnamen Wawerzinek.

Mit „Rabenliebe“ befreite sich der Autor aus einer kreativen Krise. Seine ganz eigene Poetik, die mit Kinderliedern und Märchensprache der Sehnsucht nach einer Familie nachspürte, regte Leser wie Kritiker an, Wawerzinek bekam den Ingeborg-Bachmann-Preis und wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert. Mit „Schluckspecht“ und „Liebestölpel“ überführte er weitere Aspekte seines bewegten Lebens in die Literatur.

„Lievalleen“ ist mehr als die Geschichte des Waisenkindes

Doch muss „Rabenliebe“, nach dem Buch auch als Hörbuch und Autorenlesung erschienen, nun noch mal auf der Leinwand beschworen werden? Peter Wawerzinek selbst betont im Film, dass er das Thema Kindheit eigentlich abgehakt hatte, erklärt aber: „Das Buch des Lebens lässt sich nicht so einfach zuschlagen.“

Tatsächlich geht „Lievalleen“ über die Geschichte des Waisenkindes Peter hinaus. Im Spiel lässt er Begegnungen mit Frauen aufleben: Kirsten Hartung spielt eine Köchin, die ihn adoptieren wollte, und eine Halbschwester, die später auf ganz andere Art unter der kaltherzigen Mutter litt. Vor der Kamera trifft sich Wawerzinek mit seiner Schwester, die er erst als Jugendlicher wiedertraf, und mit seiner Heimerzieherin, die ihm zur Fast-Mutter wurde.

Die Kehrseite der DDR-Kinderheime

Erika Banhardt, die Ende der 50er-Jahre noch eine junge Erzieherin gewesen sein muss, inzwischen aber verstorben ist, kommt zu Peter Wawerzinek zum Picknick in den „Gespensterwald“ – es ist übrigens nicht ihr erster Filmauftritt. Sie wurde 1988 von Helke Misselwitz im denkwürdigen Vorwendefilm „Winter adé“ porträtiert.

In ihrer Wohnung dann hat sie sogar noch die „Beschäftigungsmappe“ mit den ersten Zeichnungen des kleinen Peter parat. Wawerzinek bringt den Teddy aus dem Heim mit – und der Zuschauer fragt sich, wo der all die Jahre wohl gesteckt haben mag.

Lievalleen

Buch, Regie & Produktion: Peter Wawerzinek und Steffen Sebastian, Vorführung am Mi, 12.2., 20 Uhr, Volksbühne, anschließend Konzert mit Bob Rutman, Herbst in Peking & Peter Wawerzinek (Rabenlieder)

Während die Begegnungen mit Erika Banhardt andeuten, dass Peter Wawerzinek in den drei Kinderheimen an der Ostsee durchaus Liebe und Förderung entgegengebracht wurde, zeigen die Gespräche und Reisen mit der Schwester die Kehrseite der DDR-Kinderheime jener Jahre.

Denn Beate erschien, kein Wunder nach diesem Verlassenwerden, so traumatisiert, dass sie als nicht förderfähig eingestuft wurde. Insgesamt 15 Jahre verbrachte sie in einer psychiatrischen Abteilung und bekam weder eine reguläre Schulbildung noch eine Berufsausbildung. Besonders dramatisch sind ihre lakonischen Schilderungen einer „Schlaf-Therapie“ für aufsässige Patienten.

Begegnung mit der Mutter als nachgespielte Szene

Die reportagehaften Elemente sind ein wichtiges Gegenstück zu Wawerzineks märchenhaft-poetischen Klageliedern, die von der Musik von Herbst in Peking untermalt werden und für die der Kameramann Steffen Sebastian die passenden Stimmungsbilder findet. „Lievalleen“ weitet die Perspektive sogar natürlicher aus als der Roman, in den Wawerzinek aktuelle Meldungen über verlassene und misshandelte Kinder eingestreut hatte.

Klug erscheint auch die Entscheidung, die einzige Begegnung mit der geflohenen Mutter weder mit der Kamera zu erzwingen noch ein Foto von ihr einzublenden. Stattdessen spielen Wawerzinek und der Schauspieler Steffen Scheumann das Treffen im „Gespensterwald“ nach und zeigen so die Absurdität des Gesprächs. Dass es vergebens war, von dieser kaltherzigen „Schneefrau“, wie Wawerzinek sie nennt, Mitgefühl oder gar Reue zu erfahren, hatte er aber schon mit dem Buch „Rabenliebe“ gezeigt. Mit „Lievalleen“ – also „mutterseelenallein“ – schließt er dieses Drama nun endgültig ab.