Filmregisseur und Drehbuchautor Peter Kahane muss nach wie vor um seine Projekte kämpfen.
Foto: Sabeth Stickforth/Berliner Zeitung

BerlinPeter Kahane hatte nie damit gerechnet, mit seinem Film „Die Architekten“ einmal ein Zeitzeuge der untergehenden DDR zu werden. Eigentlich hatte er an eine Machtprobe mit der Studioleitung gedacht. Nach etlichen gescheiterten Versuchen, einen seiner Stoffe bei der Defa verwirklichen zu können, setzte er schließlich alles auf eine Karte. Wäre ihm auch dieses Projekt versagt worden, hätte er wahrscheinlich wie so viele seiner Kollegen und Freunde das Land verlassen. Und dann verließ ihn stattdessen das Land. Gedreht zur Zeit des Mauerfalls wurde „Die Architekten“ zum letzten Kinofilm der DDR. Im Mai ist Peter Kahane siebzig geworden. Die Welt hat sich geändert, aber noch immer muss er um seine Projekte kämpfen. Zum Gespräch in einem Kieztreff in Prenzlauer Berg kommt er mit dem Schlüssel in der Hand. Seit vierzig Jahren wohnt er im Haus gegenüber.

Herr Kahane, lassen Sie uns über „Die Architekten“ reden. Die Dreharbeiten zum Film begannen im September 1989 und endeten im Januar 1990. Während in Ihrer Geschichte die Versuche eines Aufbruchs in Resignation enden, gerieten die Dinge auf der Straße in Bewegung. Waren Sie nicht versucht, ihr Drehbuch täglich umzuschreiben?

Wir haben tatsächlich angefangen, neue Szenen zu schreiben. Das meiste davon ist aber später wieder rausgeflogen. In seiner Grundstruktur ist der Film so geblieben, wie er geplant war. Gemeinsam mit meinem Freund Thomas Knauf hatten wir ja ein Drehbuch entwickelt, das ohne Rücksicht auf Zensur alle wichtigen Themen und alle Konflikte dieser Zeit behandeln sollte. Das entsteht nicht von heute auf morgen, es lässt sich auch nicht von heute auf morgen ändern. Das war auch nicht nötig. Mein Kameramann Andreas Köfer, auch ein wichtiger Partner bei dem Projekt, hat alte Protokolle aufgehoben, in denen die Dreharbeit dokumentiert wurde. Die Figuren und die Konflikte, alles ist geblieben wie geplant. Was sich geändert hat, ist die Tonalität. Der Film sollte eingreifen in den Prozess, der ja schon Mitte der 80er-Jahre begann. Er sollte eine aktive Figur zeigen, einen Architekten, der sich einmischt, der für sein Projekt kämpft und auf die Schnauze fällt, tief resigniert ist, sich aber letztlich doch nicht unterkriegen lässt. Im Grunde ist es auch so geblieben, nur dass der Schluss das Scheitern betont und sich die Tonalität ins Tragische verschoben hat.

Foto: Sabeth Stickforth/Berliner Zeitung
Peter Kahane 

… wird am 30. Mai 1949 in Prag geboren, wo seine Eltern nach der Rückkehr aus der Emigration als Korrespondenten arbeiten.

… beginnt 1973 als Assistent im Defa-Studio für Spielfilme, 1979 beendet er sein Regiestudium an der Hochschule für Film- und Fernsehen in Potsdam-Babelsberg. Sein Debüt gibt er 1983 mit „Weiberwirtschaft“, die Komödie „Ete und Ali“ wird ein Publikumserfolg. Nach der Wende dreht er zahlreiche Fernsehfilme.

… ist verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Er lebt im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg.

Welche Möglichkeiten haben Sie als Regisseur, die Tonalität zu ändern?

Vor allem in der Montage und mit dem Musikeinsatz.

Im Schlussbild kotzt die Hauptfigur Daniel Brenner nach der Grundsteinlegung für das Bauprojekt, das man ihm zerstört hat, neben die Ehrentribüne. Stand die Szene von Anfang an im Buch?

Wahrscheinlich nicht, aber das weiß ich gar nicht mehr genau. Nachgedreht, das weiß ich sicher, wurde die Szene im Lokal, in der eine Kollegin unseres Protagonisten davon redet, dass man jetzt im Schutz der Kirche mehr machen kann. Gedreht haben wir auch bei der Demonstration am 4. November auf dem Alexanderplatz. Damals dachte ich noch, dass der Film vielleicht mit solch einem Bild enden könnte. Da waren wir noch ganz optimistisch, dass das eine Geschichte wird, die den Willen zur Veränderung unterstreicht. Die Passage haben wir dann nicht genommen, der Film wurde schließlich ein Abgesang.

Der Architekt Daniel Brenner (Kurt Naumann) bekommt mit Ende dreißig die Gelegenheit, sich beruflich zu beweisen, als ihm im Herbst 1989 die Leitung eines Jugendkollektives für das Neubaugebiet Marzahn übertragen wird.   
Foto: Defa-Stiftung

Wie haben sich denn die Ereignisse draußen auf die Arbeit ausgewirkt? Die Leute hatten ja auf einmal viele andere Dinge im Kopf.

Wir wollten eigentlich schon im April 89 beginnen, aber die Studioleitung hat unter fadenscheinigen Vorwänden den Drehbeginn immer wieder herausgezögert. Im Sommer, als die Fluchtwelle über Ungarn einsetzte und wir immer noch nicht drehten, hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass unser Film den Ereignissen hinterherhinken könnte. Wie schnell das Ende der DDR kam, hat natürlich keiner geahnt. Es ist viel passiert in der Drehzeit.

Ein Szene des Film spielt am Tränenpalast, die Frau und die Tochter des Architekten gehen in den Westen …

Das war der bedrückendste Drehtag meines Lebens. Er lag ja noch vor dem Mauerfall. Wir hatten vom Grenzregiment mit Mühe eine Genehmigung bekommen, durften aber nicht dokumentarisch drehen. Deshalb habe ich zwischen all den echten Ausreisenden unsere Komparsen dirigiert.

Es gibt so ein paar historische Tage aus dem 89er Herbst, an denen die Zeit Sprünge zu machen schien. Wie hat sich das auf den Film ausgewirkt?

Ich kann die großen Ereignisse immer mit Drehorten verbinden. Am Tag, als Honecker zurückgetreten ist, haben wir oben im Haus des Kindes an der Karl-Marx-Allee gedreht. Wir haben das diskutiert, jeder anders, aber es gab letztlich noch keinen grundsätzlichen Zweifel an unserem Filmprojekt. Ähnlich ging es mir am 7. Oktober, an dem es zu den bekannten Ausschreitungen der Polizei kam, und am 4. November. Wirklich viel geändert hat der Mauerfall. Da wusste ich, dass der Sinn des Films nicht mehr der sein würde, den wir im Kopf hatten. Unser Gegenwartsfilm spielte von einem Tag auf den anderen in der Vergangenheit.

Gab es einen Moment, an dem Sie abbrechen wollten?

Den gab es. Aber ich konnte nicht einfach aufhören. Da steckt zu viel Filmdisziplin in mir. Und langsam wurde mir auch klar, dass man den Film historisch begreifen könnte, dass er ein Dokument sein wird. Weil er ganz authentisch die Geschichte dieser vielen DDR-Bürger erzählt, die sich einbringen wollten und nicht durften. Ein Film, der von denen erzählt, die um ihre Hoffnung betrogen wurden.

Über den Dächern von Marzahn: Andreas Köfer (l.), der Kameramann des Defa-Films „Die Architekten“, mit seinem Assistenten Dietram Kleist.
Foto: Defa-Stiftung

Im Mai 1990 kam der Film dann schließlich ins Kino.

Und keiner wollte ihn sehen. Das ist ja auch klar. Auf einmal mussten sich alle um alles kümmern. Um die Dinge des Lebens. Eines neuen Lebens. Wer guckt da noch solche Filme. Im Mai 1990 war die Premiere beim letzten Nationalen Filmfestival der DDR in Berlin. Ein halbes Jahr vorher hätte man damit vielleicht noch etwas anfangen können. Aber nun? Das vergangene halbe Jahr hatte die Welt verändert.

Ihr Film ist auch ein Gleichnis auf das Filmemachen zu dieser Zeit. Die Kreativen mit ihren großen Ideen werden kleingemacht.

In dem Film steckte ja auch meine Berufserfahrung, übersetzt in die Arbeit eines Architekten. Die Ideen der Filmemacher und der Architekten werden beide stark von den jeweiligen Geldgebern kontrolliert. Es ist aber auch ein Gleichnis auf den Weg einer großartigen Idee zur Illusion, und von der Illusion zum Scheitern. Ein Gleichnis auf den Sozialismus.

Bei der Grundsteinlegung ist von dem Projekt, wie es gedacht war, nichts geblieben.
Foto: Defa-Stiftung

Nach Zählung von Wikipedia hatte „Die Architekten“ in der DDR 5 354 Zuschauer.

Gefühlt kenne ich alle persönlich.

Gerade jetzt läuft der Film wieder in vielen Sondervorführungen nicht nur in Berlin, auch Filmklubs in kleineren Städten zeigen ihn. Zudem ist er permanent auf Amazon abrufbar. Je mehr Zeit vergeht, desto stärker wird er tatsächlich als historisches Dokument des Jahres 1989 wahrgenommen.

Das freut mich natürlich. Jeder Film, egal, wann er spielt, erzählt auch über seine Entstehungszeit. Wenn ich heute einen Film über die DDR machen könnte, würde ich noch mal ganz anders rangehen.

Wie sähe das aus?

Da muss ich erst einmal drüber reden, was mir an den Filmen fehlt, die es über die DDR gibt und die ich auch gesehen habe. Allzu selten kommen sie von Leuten, die den Osten erlebt haben. Es fehlen mir Stimmungen. Insofern würde ich gern einen Film machen, der mehr vom Erleben kommt als von den Projektionen. Wie über die DDR erzählt wird, ist mir oft zu pathetisch. Ich meine damit nicht zu emotional. Emotional soll es sein. Das Pathos kommt aus den Klischees, die sich beim filmischen Umgang mit der DDR etabliert haben.

Und diese Klischees wurden im Westen geprägt. Oder ist das auch schon wieder ein Klischee?

Bundesdeutsche Identität basierte meines Erachtens viele Jahrzehnte lang immer auch auf einer Abgrenzung gegenüber dem Osten. Bundesdeutscher zu sein, hieß, nicht Ostdeutscher zu sein. Das lief ganz unbewusst ab, auch bei Leuten, die die DDR kannten und dort Freunde hatten. Von dieser Abgrenzung ist bis heute leider viel geblieben. Die Ostler waren und sind eben die Anderen. Und so wurde das in vielen Filmen fortgeschrieben. Die Figuren in diesen Filmen wirken oft wie Projektionen der Filmemacher, die sich vorstellen, welche Rolle sie in einem sozialistischen System spielen würden. Und da kann man sich entscheiden, ob man sich auf die Seite der Funktionäre stellt oder auf die der Unterdrückten. Logischerweise entscheidet man sich für die Unterdrückten, die Dissidenten. Schon sind wir wieder bei den Klischees. Bei den Rändern. Die Dissidenten brauchen dann natürlich einen Antagonisten, die Stasi, das große Drama. Es fehlen Filme, die in der kleinen Welt des Alltags Großes erzählen. Auch Politisches. Wo die Figuren nicht in erster Linie eine Funktion haben und uns etwas beibringen sollen. Es muss also nicht immer um Mauer und Stacheldraht gehen. So wichtig auch die Geschichten von Mauer und Stacheldraht sind. Aber eben nicht nur.

Warum gibt es diese Filme von Ihnen nicht?

Seit dreißig Jahren werfe ich immer wieder verschiedene Ideen in den Ring. Auch fertige Drehbücher. Einmal war ich mit einer Geschichte auch schon kurz vor Drehbeginn, dann hat’s doch nicht geklappt. Möglicherweise besteht der Verdacht, dass ich die Verhältnisse in der DDR schönen will, wenn ich diese großen Dinge nicht thematisiere. Ich hab keine Ahnung…

Es ist doch paradox, dass es relativ schnell nach dem Mauerfall viele Filme gab, die sich mit dem Thema Osten beschäftigt haben, aber diejenigen, die das aus dem eigenen Erleben heraus hätten tun können, ausgeschlossen wurden.

Beim Film geht es immer um Geld. Der Produzent will einen Regisseur haben, dem er vertrauen kann, dass er mit dem Budget umgehen kann, dass er den richtigen Film macht. Da spielen die vorhandenen Strukturen eine Rolle und die Ostler hatten eben keine Struktur. Den Beruf des Produzenten gab es gar nicht in der DDR. Wir hatten kein Netzwerk. Mit „wir“ meine ich die Regiekollegen, die zur Wendezeit älter als 40 waren. Dazu kam ein latentes Misstrauen, ob wir überhaupt in der Lage wären, unsere Erfahrungen mit dem System so zu reflektieren, dass es passt. Die nächste Generation von Filmemachern wurde dann offener aufgenommen.

Sie waren 1989, mit immerhin vierzig Jahren, Teil einer sogenannten Nachwuchsgruppe der Defa. Was ist aus Ihren Kollegen geworden?

Soweit ich weiß, hat keiner der Regiekollegen meiner Generation im gesamtdeutschen Film Fuß gefasst.

Was bedeutet Ihnen die Defa heute?

Ich habe bei der Defa viel gelernt, hatte wunderbare Kollegen, Freunde, mit denen ich zusammengearbeitet habe. Aber trotzdem fühlte ich mich in der Firma immer als Gast. Ich bin nicht eingedrungen in die inneren Kreise, sicherlich auch, weil ich nicht Mitglied der SED war. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich wirklich Teilnehmer bin, das ging mir aber oft so im Leben.

Sie haben mal gesagt, das Problem für Ihre Generation sei es gewesen, nicht hineinzukommen in diese DDR, nicht mitmachen zu dürfen.

Nach dem Ende des Krieges entstand im Osten Deutschlands eine Art heiliges Band zwischen den Antifaschisten, die aus dem Exil zurückkamen und den Kriegsheimkehrern. Es waren zwei dominante Jahrgänge, verbunden durch die gemeinsame Erfahrung des Krieges – auch wenn sie die aus so unterschiedlichen Positionen gemacht haben. Man hielt zusammen, auch aus Pragmatismus. Und so sehr immer betont wurde, dass wir Nachkriegsgeborenen die Zukunft des Landes sein sollten, so wenig wurden wir gewollt. Wir wurden behandelt wie Kinder im Kindergarten. Da sind wir wieder bei dem Film „Die Architekten“. Der behandelt ja diese Generation.

Dann war es vorbei mit der DDR und man hat Ihnen wieder kein Vertrauen geschenkt.

Vierzig Jahre lang galten wir als zu jung und   zu unreif und dann galten wir plötzlich als zu alt. Vom Nachwuchsregisseur zur Altlast. Ich glaube schon, dass meine Generation davon geprägt ist. Für mich persönlich würde ich das nur in Teilen annehmen, weil ich auch nach 1989 Filme gedreht habe, auch wenn ich nicht alle Themen behandeln konnte, die mir auf der Seele lagen.

Nach dem Mauerfall waren dann zum ersten Mal die sogenannten Kellerfilme zu sehen, die 1965/66 nach dem 11. Plenum des ZK der SED verboten wurden. Hatten diese Arbeiten für Sie noch eine Aktualität?

Natürlich. Vor allem, weil man spürt, dass die Filme etwas verändern wollten. Sie bewegen mich heute noch, auch wenn man den Rhythmus oder die Ästhetik möglicherweise veraltet findet. Damals war vieles innovativ. Es ist ein Drama, dass diese Entwicklungslinie so brutal gekappt wurde.

Eine noch gewieftere Anpassung war die Folge.

Ja. Anpassung. Mit schlimmen Folgen. Aber viele engagierte Defa-Künstler haben auch dann immer noch nach Wegen gesucht, das auszudrücken und zu zeigen, was sie für richtig hielten. Im Märchenfilm, im historischen Film, als Komödie. So sind trotzdem einige bemerkenswerte Filme entstanden. Mit dem Anpassungsdruck umzugehen war ein zentrales Thema in der DDR, nicht nur für Filmleute. Es war DDR-Lebenskunst, sich den Zwängen möglichst zu entziehen und sein eigenes Ding zu finden. Um Spaß zu haben, um sich gegenseitig zu stärken, um Gedanken zu tauschen. Und vielleicht auch, um auf den richtigen Moment zu warten. Hört sich heute nicht besonders mutig an, aber manche dieser Rückzugsräume waren oft sehr kreativ, spielerisch, trotzig und stolz. Mit diesen Räumen meine ich das, was man inzwischen meist Nische nennt. Ich mag dieses Wort nicht, alle Wörter mit langem i wirken nur verniedlichend. Auch Ossi ist so ein Wort. Das war der erste Versuch, das Ostproblem durch eine Verkleinerung lösbar scheinen zu lassen.

Wie und wann kamen Sie eigentlich darauf, Regisseur zu werden?

Ich bin als Kind einfach wahnsinnig gern ins Kino gegangen. Ich liebte es, in eine fremde Welt einzutauchen. Mir Geschichten erzählen zu lassen. Im Osten haben ich mir sowjetische Reiterfilme angesehen, „Tschapajew“ und „Kotschubej“, in Westberlin, im Kino meines Onkels, sah ich dann die westlichen Pendants. Später, im Kinderheim, kam einmal in der Woche der Landfilm mit einem durchmischten Programm. Ich sah mir alles an. Und wenn es Filme ab 16 waren, lag ich heimlich direkt hinter der Leinwand und sah die Filme von schräg unten und seitenverkehrt. Irgendwann auf dem Schulweg habe ich mit einem Freund über Berufswünsche geredet. Und wie selbstverständlich sagte ich ihm, dass ich Filme machen will. Habe mich selbst gewundert, als ich das ausgesprochen habe. Da war ich fünfzehn. Und bin dabei geblieben.

Was hatte es mit diesem Kinderheim auf sich?

Da muss ich bisschen ausholen. Mein Vater hatte bis 1933 in Berlin Jura studiert, wollte aber immer Journalist werden. Nach den Jahren in der Emigration und der Résistance ist er 1945 nach Ostberlin zurückgekehrt und hat bei ADN und der Berliner Zeitung gearbeitet.

Er war stellvertretender Chefredakteur der Berliner Zeitung …

Als Journalist war er mit meiner Mutter auch bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen und wurde dann Auslandskorrespondent. Zunächst in Prag, deshalb wurde ich 1949 in Prag geboren. Mit der Zeit stellte sich heraus, dass er sich in der DDR am wohlsten fühlt, wenn er im Ausland ist. Das war ein Lebensmodell, das ihm sehr lag. Er war einerseits parteitreu, andererseits aber auch liberal und weltoffen, was sich am besten im Ausland vereinen ließ. Eine Weile waren wir als komplette Familie mit, 1958/59 in Indien. Meine jüngere Schwester blieb bei meinen Eltern, und mein Bruder und ich mussten dann zurück in die DDR. Wir kamen für fünf Jahre in ein Heim im Kreis Bad Freienwalde, da waren 80, 90 Kinder, deren Eltern zum größten Teil beim Außenhandel arbeiteten. Eine kleine Welt, in der sich das ganze Land spiegelte. Aus dieser Zeit kenne ich DDR-Leben in der Provinz ziemlich gut. Das führte später zu Konflikten mit meinem Vater, weil ich dachte, ich weiß viel mehr über den Alltag in der DDR als er. Da war ich 18 Jahre alt. Später haben wir uns wiedergefunden und waren uns sehr nah.

Ihre Erinnerungen an das Kinderheim haben Sie zu einem Drehbuch verdichtet…

Für das ich vor kurzem eine definitive Absage bekommen habe. Die Arbeit zog sich über Jahre hin. Als ich die Geschichte in den 90ern zum ersten Mal angeboten habe, hieß es: Osten ist durch. Dann erinnere ich mich an das Gespräch mit einem Produzenten, der bemängelt hat, dass im Film weder Mauer noch Stasi vorkommen. Das fand ich sehr komisch, weil das Ganze auf dem Dorf spielt, achtzig Kilometer von der Mauer entfernt und die Stasi für Teenager kein Thema war.

Wovon handelt diese Geschichte?

Es sollte ein Film über das Erwachsenwerden in der DDR sein. Coming of Age. Mit den Konflikten eines 15-jährigen. Eine besondere Rolle sollte der Heimleiter spielen. Das Vorbild für die Filmfigur hatte eine Vergangenheit als Wehrmachtsoffizier, mein Vater hatte eine Vergangenheit als Offizier der Résistance. Jetzt, also im Jahr 1965, waren beide in derselben Partei. Ich habe versucht, mit dem was ich erlebt habe, eine Geschichte über die Probleme der DDR zu erzählen, die auch meine Probleme waren.

Sie meinen den sozialistischen Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit.

Ja. Die DDR wurde als antifaschistischer Staat gegründet und hatte sehr viel Mühe, diesen Status zu halten, weil er gewissermaßen eine pauschale Entschuldung derer war, die sich ihr angeschlossen hatten. Dieses: Es sei dir alles vergeben, wenn du bei uns mitmachst. Daraus haben sich sehr viele Probleme entwickelt, die bis heute nachwirken. Eine nicht aufgearbeitete Geschichte der DDR, viele nicht aufgearbeitete Familiengeschichten, ein großes Schweigen. Auf der anderen Seite gab es nach dem Krieg einen ernsthaften Pazifismus der Leute, die als besiegte junge Männer aus der Wehrmacht entlassen wurden. Auch das wollte ich zeigen. Welche Kompromisse eingegangen wurden, um dieses Land aufzubauen und woran es am Ende gescheitert ist. Wie sich in den Wahlergebnissen jetzt zeigt, kommt sehr viel hoch, was unbewältigt war.

Haben Sie in ihrer Jugend Antisemitismus erlebt?

Es gab natürlich Vorfälle, wobei ich sagen muss, dass das den Leuten meist gar nicht bewusst war, was sie da gesagt haben. Es klang alles unbekümmert umgangssprachlich. Wenn wir zum Beispiel „bis zur Vergasung“ auf dem Sportplatz gerannt sind. Es gab aber auch Ansagen wie: „Du dreckiges Judenschwein“. Und wenn es im Heim zu laut war, kam regelmäßig der Lieblingssatz unseres Heimleiters: „Wir sind doch hier nicht in der Judenschule“. Vielen war gar nicht klar, was sie da sagten oder hörten. Das Problem war, dass keiner widersprochen hat, ich kann mich jedenfalls nicht erinnern. Antisemitismus in der DDR wurde ja damals nicht thematisiert. Es war Sprache. Aber irgendwann konnte es mehr werden. Wurde es auch. Plötzlich gab es Neonazis in der DDR. Scheinbar plötzlich. Im Nachhinein ist es für viele Ostler schwer zu akzeptieren, dass es Antisemitismus in ihrem Land gab. Auch der Verweis auf gleiches in den westlichen Bundesländern hilft nicht. Es ist wie mit einem gefährlichen Virus, wenn man nicht gegen ihn vorgeht, überwintert er. Irgendwie. Und dann, bei Tauwetter, wird er gefährlich …

Gab es bei der Defa, wo ja einige jüdische Kollegen arbeiteten, Gespräche über solche Erfahrungen? Wurde überhaupt über das Jüdischsein gesprochen?

Bei der Defa nicht, da hatten wir andere Themen. Aber als ich nach Berlin kam, mit sechzehn, hatte ich einen Freundeskreis mit vielen Kindern jüdischer Emigranten. Da war das ein großes Thema. Die meisten hatten künstlerische Ambitionen, wollten zum Theater oder zur Malerei. Unter uns spielte das eine wichtige Rolle, ich bin aber nie Mitglied der jüdischen Gemeinde geworden. Unser Zweig der Familie war nicht religiös, wir haben auch keine jüdischen Traditionen gelebt. Meine Eltern haben das nicht gepflegt. Meine Beziehung zum Judentum ist deshalb am besten mit den Worten von Woody Allen beschrieben: Ich bin Jude, aber ich weiß nicht, wie es geht.

Haben Sie mal daran gedacht, Ihre Familiengeschichte aufzuschreiben? Das ist nicht so aufwendig wie ein Film.

Im Moment schreiben ja alle ihre Familiengeschichten. Aber ich bin kein Literat. Ich müsste erst mal sehen, ob mir das gelingt. Ich habe zwar sehr viele Drehbücher geschrieben, aber das ist was anderes. Da schreibt man: Er kommt. Er geht. Er sagt, Doppelpunkt. Man versucht, alle Reflexionen, die bei Prosa eine Rolle spielen, in Handlung umzuwandeln, in Dialog und Bilder. So bin ich jetzt konditioniert. Ich glaube, das kann ich auch. Außerdem habe ich mit Film noch nicht abgeschlossen. Das mache ich vielleicht, wenn ich weiß, jetzt kommt definitiv kein Film mehr. Dann setze ich mich hin.

Woran arbeiten Sie im Moment?

Ich habe immer mehrere Projekte, weil ich weiß, dass man oft Pleiten erlebt. Am weitesten bin ich mit einem Stoff über eine deutsche Operettensängerin. Sie wurde 1943 von einem deutschen Sondergericht in Prag zum Tode verurteilt, weil sie Juden zur Flucht verholfen hat. Als ihr klar war, dass sie nicht begnadigt wird, hat sie im Todestrakt eine Liebesgeschichte begonnen. Eine berührende, zarte, und natürlich ganz platonische Liebesgeschichte. Das ist eine authentische Geschichte, viele Kassiber von ihr sind überliefert. Sie zeigen eine Frau, die nicht ohne Liebe sterben wollte. Und die kein Opfer sein wollte. Ich beschäftige mich schon seit vielen Jahre mit dem Projekt. Das Drehbuch ist fertig, ich habe eine Produzentin und eine Hauptdarstellerin und nun hoffe ich, dass wir auch das Geld für den Film bekommen.

Das ist auch eine Geschichte aus der Vergangenheit. Haben Sie mit der Gegenwart abgeschlossen?

Nein, das interessiert mich auch. Aber ich glaube, dass der Blick zurück hilft, die Gegenwart zu verstehen. Gemeinsam mit einem Kollegen entwickle ich eine Geschichte, die sich mit den 90er-Jahren beschäftigt. Die Zeit nach der Wende. Wir wollen einen wahrhaftigen und kritischen Blick darauf werfen. Was ist damals mit den Leuten geschehen, die heute AfD wählen. Oder mit den Kindern, die als Punks von den Nazis verprügelt wurden – unter den Augen der Polizei. Oder mit den Frauen, die so stolz und selbstständig waren und dann arbeitslos. Oder mit den Alten. 1990 beim Bäcker im Prenzlauer Berg sagte eine alte Frau: „Uns alte Weiber schlachten se als erste…“ Sie wurden natürlich nicht geschlachtet – aber verschwunden sind sie trotzdem. Die Alten verließen Berlin in Richtung Stadtrand oder Provinz, die jungen Leute verließen die Provinz in Richtung Westen. Und die Westler besetzten die wichtigen Stellen im Osten. Damals begann das alles, was uns heute noch beschäftigt.

In einem Gespräch 1993 haben Sie um Geduld mit den Ostdeutschen gebeten. Daran hat sich nichts geändert?

Mehr als Geduld wäre heute Verständnis gefragt. Dass man mal seine festen Positionen verlässt und zuhört.

Ich habe das Gefühl, dass bei diesem Jubiläum jetzt zum ersten Mal stärker auch über die Probleme mit der deutschen Einheit gesprochen wird. Über strukturelle und wirtschaftliche Entscheidungen, die dafür gesorgt  haben, dass die politische Landschaft des Ostens heute so aussieht, wie sie aussieht.“

Peter Kahane

Waren wir da nicht schon mal weiter?

Das kann sein, aber ich habe das Gefühl, dass bei diesem Jubiläum jetzt zum ersten Mal stärker auch über die Probleme mit der deutschen Einheit gesprochen wird. Über strukturelle und wirtschaftliche Entscheidungen, die dafür gesorgt haben, dass die politische Landschaft des Ostens heute so aussieht, wie sie aussieht. Am besten hat die Wiedervereinigung am rechten Rand funktioniert, die Typen haben sich sofort gefunden. Je weiter du politisch nach links kommst, desto komplizierter wurde es. Das verrückteste Beispiel war, dass sich die SPD im Vereinigungsprozess von den Ostlern abgegrenzt hat. Es ist an der Zeit, dass jetzt mal klar gesagt wird, was nicht funktioniert hat.

Immerhin, nach dreißig Jahren …

Solche Aufarbeitungsgeschichten brauchen in Deutschland immer besonders lange.

Es macht sich aber auch wieder ein Gefühl der Lähmung breit, für das die Demonstrationen der Klimaaktivisten nur ein Ausdruck sind. Gerade bei jungen Leuten, die von der Teilung kaum geprägt sind. Ein neues: So kann es nicht weitergehen.

Aber es gibt einige wesentliche Unterschiede. In der DDR haben wir von einer demokratischen Republik geträumt, von einem offenen, liberalen System. Von Rechtsstaatlichkeit. Das haben wir jetzt. Diese Transformation ist geglückt, trotz aller Probleme. Ich weiß, was Sie meinen, es gibt Überschneidungen in der Stimmung. Der Änderungsbedarf der Gegenwart ist gigantisch, wir haben aber auch etwas zu verteidigen. Was wir in der DDR an Stagnation und Bedrücktheit erlebt haben, dieses Gefühl, dass man nur verwaltet wird, das erlebe ich heute so nicht. Den Gestaltungsraum, den es gibt,   den sollten wir nutzten.

Das Gespräch führten Claus Löser und Frank Junghänel.