Normalerweise würde bei einem Nobelfestival Chaos ausbrechen, wenn ein zugkräftiger Star wie Anna Netrebko in letzter Minute ihre Teilnahme absagen muss. In Salzburg besorgt sich die Intendantin im Handumdrehen einen Ersatz wie Mojca Erdmann und springt obendrein selbst noch ein, obwohl sie eh schon eine tragende Rolle in der Festspiel-Opernproduktion singt. Und die Cleopatra in Händels meistgespielter Oper „Giulio Cesare in Egitto“ hat es in sich. Aber diese Jung-Intendantin eben auch: die Sopranistin Cecilia Bartoli!

Sie ist die neue Leiterin, Ideengeberin und obendrein eine der Haupt-Akteurinnen bei den Salzburger Pfingstfestspielen. Dort hatte in den letzten Jahren Riccardo Muti seine neapolitanischen Barockausgrabungen mit musikalischem Hochglanz- und angestaubter Bühnenlangeweile gepflegt. Für den Sommer steht Alexander Pereira mit der festen Absicht und guten Chancen bereit, den sommerlichen Festspielzirkus noch größer, nobler und einträglicher auf Super-Event zu trimmen. Sozusagen als seine Vorbotin jetzt zu Pfingsten also Bartoli, Händel, „Giulio Cesare“. Und wie: Bei dem Versuch, den mit beachtlicher Streitmacht und einem Planungs- und Scheckköfferchen mit EU Sternen darauf angereisten Cesare aus seinem blauen Politiker-Anzug zu locken, um ihn als Liebhaber und im Machtkampf gegen ihren Bruder als Verbündeten zu gewinnen, schwingt sich Bartoli als Höhepunkt einer 3D-Show für den besonderen Staatsgast auf einen Marschflugkörper und geht mit ihm in die Luft.

Was da noch mit Szenenapplaus bedacht wurde, brachte am Ende dem Regieteam etliche Buhs ein: Moshe Leiser und Patrice Caurier hatten die Idee, dem Salzburger Publikum in einer beherzt zusammengestellten Collage ein Resümee der Regietheater-Taten und -Untaten der letzten Jahrzehnte zu servieren. Da erinnern etwa der Griff in die Eingeweide und zwischen die Beine an Calixto Bieito, die durch die Luft fliegenden Soldaten-Dummys an Stefan Herheims „Parsifal“, der schiefe Kronleuchter und die Damenunterwäsche an Martin Kusej, Caesars hereinfahrende Nobelkarosse an Claus Guth oder Jossi Wiele, und das Militär-Ballett an die Inflation von Kampfanzügen und MPis auf allen deutschen Bühnen.

Diese Stimmen!

Ein Zitat auf der von Christian Fenouillat geöffneten, verrückten und vollgerümpelten Bühne jagt so also das andere. Am Ende gibt es dann noch, als wäre hier Peter Konwitschny am Werk, Sekt und Narrenkappen für die Mächtigen (wie in seiner „Aida“) und einen (deutschen) Panzer (wie in „Nabucco“), der vom Platz hinterm Festspielhaus nach drinnen zielt. Auf so etwas muss man sich einlassen wollen, um in diesen augenzwinkernden Regie-Erinnerungsturbulenzen auch die ernsten Momente der Trauer und des Unglücks zu entdecken. Daneben aber, vor allem ist dieser Abend eine atemberaubende musikalische Sensation. Diese findet nicht als Stimmen-Wettstreit um die beeindruckendste Barockröhre, sondern als ein von innen leuchtendes virtuoses Stimmenwunder statt.

Dafür fährt man in Salzburg eine Besetzung auf, die es so eigentlich auf der Bühne gar nicht gibt. Natürlich wird jeder Cleopatra-Auftritt von Bartoli zu einer frechen Show für sich. Dazu gleich vier Countertenöre: Andreas Scholl ist der betörend koloraturgeschmeidige Cesare, Philippe Jaroussky der hinreißend jugendlich einfühlsame Sesto, Christophe Dumaux der vitale, auf perversen Jung-Despoten gebürstete Tolomeo. Damit sind hier nicht nur alle Männerrollen auch mit Männern besetzt.

Als Pointe des barocken Spiels mit den Geschlechtern gibt der zu den Wegbereitern des Counterbooms der letzten Jahrzehnte gehörende Jochen Kowalski in exzellenter Form die Kammerdienerin Nirena. Anne Sofie von Otter ist eine wunderbar warm timbrierte, ans Herz rührende Cornelia. Ruben Drole (Achilla) und Peter Kálmán (Curio) komplettieren das Ensemble. Und allesamt sind vom Ehrgeiz beseelt, sich vom sensibel sinnlichen Orchesterklang des Il Giardino Armonico tragen zu lassen, den der Barockspezialist Giovanni Antonini der immer noch etwas heiklen Akustik im Haus für Mozart scheinbar mühelos abtrotzt.

Auch im nächsten Jahr bietet Cecilia Bartoli für Pfingsten übrigens ein klug kombiniertes Programm zum Thema „Opfer“, bei dem sie selbst als Norma die größten Erwartungen weckt. Bei ihrem diesjährigen Einstand zum großen Thema Kleopatra schwebte über dem Festspielbezirk jedenfalls der Geist Händels. Und sorgte für ein musikalisches Pfingstwunder!