Köln - Niemand soll glauben, Lüge sei die Pest im digitalen Neuland. Diese momentan anschwellende Angst, dass die politischen Geschicke durch Fake-News und Social Bots ins Unglück manipuliert werden könnten – so begründet sie sein mag, gelogen wurde durch alle Jahrhunderte, dass sich die Balken bogen, wie gedruckt. Diener ihres Herrn streuten schon immer „alternative Fakten“ unters Volk. Eine kleine Auswahl der wunderlichsten Lügenschichten gefällig?

Die Erkenntnislüge

Auch der Anfang war Lüge. Im Paradies sprach die Schlange zum Weibe: „Gott weiß, an dem Tag, da ihr von dem Baum in der Mitte des Gartens esset, werden eure Augen aufgetan, und ihr werdet sein wie Gott.“ Was folgte, ist bekannt. Nichts von dem, was versprochen wurde, ging in Erfüllung. Im Gegenteil, das Paradies ist bis heute verloren.

Die Pippin-Lüge

Abertausende von Jahren später, genau 856 nach Christus, schenkt Pippin, König der Franken, Papst Stephan II. Rom und große Teile Italiens. „Das Frappierende an dieser Morgengabe war jedoch nicht ihre Größe“, berichtet Dieter Hildebrandt neben Roger Willemsen in einer unvergesslichen Vorstellung auf der lit.Cologne 2007. „Sondern, dass Rom und halb Italien Pippin gar nicht gehört haben.“ Erst musste er einen Krieg gegen die eigentlich befreundeten Langobarden führen. Motiv für das Geschenk war Pippins Sorge um sein Seelenheil, das durch päpstlichen Zuspruch garantiert werden sollte. Ein handwerklicher Fehler ist zudem, dass in der Schenkungsurkunde Konstantinopel unter diesem Namen erwähnt wird, obwohl die Stadt zur Ausstellungszeit noch Byzantion/Nova Roma hieß. Die nachfolgenden Päpste und niemand anderen hat dies aber je gestört.

Die China-Lüge

Auch Marco Polo behielt seinen guten Ruf, obwohl er es es mit der Wahrheit nicht so genau nahm. Der „Entdecker“ Chinas war nie im Reich der Mitte. Alles deutet darauf hin, dass er nur bis in die Mongolei kam. In seinen Schriften findet sich keine Silbe von der Chinesischen Mauer, von chinesischen Schriftzeichen oder Essstäbchen.

Die Hanse-Lüge

Hamburgs Status als Hansestadt – ebenfalls Folge einer Fälschung. Kaufleute erschlichen sich das Handelsprivileg, indem sie sich im Namen von Friedrich Barbarossa selbst ein Dokument ausstellten – 70 Jahre nach dem Tod des Kaisers. Auch hier stört’s keinen.

Stalin-Lüge

Nicht nur Diktator, Manipulator war Stalin, sondern praktisch Prototyp für das unselige Zusammenspiel von Propaganda und grauenhaftem Terror. Die perfiden Methoden unter seiner Herrschaft dokumentiert ein fulminanter Bildband von David King („Stalins Retuschen – Foto- und Kunstmanipulation in der Sowjetunion“). Am Beispiel oben abgebildeter Fotos lässt sich ablesen, welcher Akteur im Sowjetreich gerade in Ungnade gefallen ist. In dem Buch wird die Fotomanipulation als Mittel zur Steuerung der öffentlichen und politischen Stimmung deutlich. Die Wahrheit wurde gestaltet.

Die Polen-Lüge

An ihm kommt man in der Galerie der Lügner nicht vorbei: Adolf Hitler begründet 1939 seine Kriegserklärung: „Polen hat heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen.“ Jahrzehnte später steht Hitler übrigens im Mittelpunkt einer medialen Posse: Der „Stern“ hatte drei Jahre lang aus obskuren Quellen angebliche Hitler-Tagebücher gesammelt, dann warf er sie, ungeprüft, auf den Weltmarkt. Was als „größter journalistischer Coup der Nachkriegszeit“ angekündigt worden war, erwies sich, so gestand Herausgeber Henri Nannen ein, als „Katastrophe für den »Stern«“. Das Bundesarchiv in Koblenz und das Bundeskriminalamt entlarvten die Hitler-Papiere als Fälschung.

Die Mauer-Lüge

Im Nachkriegseuropa werden die zweite deutsche Diktatur, die DDR und ihre Führung Symbol für eine Lügentruppe schlechthin. Walter Ulbrichts berühmt-berüchtigter Satz: „Niemand hat die Absicht eine Mauer zu errichten“, lässt ihn in die Geschichte eingehen.

Die Barschel-Lüge

Wir nähern uns westdeutschen Untiefen: Im September 1987 erschüttert „Waterkantgate“ die BRD. Dem schleswig-holsteinischen CDU-Ministerpräsidenten Uwe Barschel werden schmutzige Wahlkampftricks gegen seinen politischen Gegner zur Last gelegt. Mit den Worten: „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort“ weist Barschel alle Beschuldigungen von sich – wird jedoch der Lüge überführt und später tot in einem Genfer Hotel gefunden. Bis heute halten sich Gerüchte, er sei einem Mordkomplott zum Opfer gefallen.