"Es ist so! schön! hier!“, ruft Dirk von Lowtzow vor der letzten Zugabe und dreht sich andeutungsweise mit leicht ausgebreiteten Armen auf der mit Instrumenten, abgeknickten Laternen, weißen Scheinwerferatrappen, einer Tischtennisplatte sowie zwei Konzertflügeln − schwarz und weiß − vollgestellten Bühne des Festspielhauses. Der Tocotronic-Sänger und sein Begleiter Thies Mynther treten in schwarzen, von Yves Saint Laurent inspirierten Kostümen auf. Als Duo nennen sie sich Phantom Ghost, und für Foreign Affairs haben sie eine interessante Genre-Mischung erfunden: das plüschtierdekorierte Faulenzerkonzert, aufgelockert von Puppenspieleinlagen, einem balletthistorischem Vortrag sowie ein bis zwei Flaschen Sekt.

Es ist wirklich schön da: Hinten prangen die Worte „Love“ und „Hate“, Stofftiere der Künstlerin Cosima von Bonin haben sich im Raum verteilt: Einsiedlerkrebse aus Plüsch, ein knallbunter Oktopus, lustig aus ihren Schalen linsende Muscheln, ein beachtliches Seepferd. In den Seilzügen hängen bleiche Wesen kopfüber, zum Beispiel Bart Simpson. Sind sie tot? Ertrunken? Sind wir alle unter Wasser? Haben wir Angst? Schmerzen? Schlafen wir schon? Für immer?

Die Haifischflosse klemmt

„Habt ihr den! Hai! gesehen?“, fragt von Lowtzow, und keine einzige Blase steigt auf, als er spricht. „Der arme Hai. Hat sich die Flossen eingeklemmt.“ Er streichelt dem tapferen stillen Gesellen am weißen Flügel die Rückenflosse. Auf die Idee, den Klavierdeckel zu lüpfen und den Fisch zu befreien, kommt er nicht. Das besorgt Cosima von Bonin mit schnellem Griff beim Schlussapplaus. Nein, Dirk von Lowtzow ist kein Mann der Entschlusskraft. Nichts überstürzen! Bevor er zu singen anhebt, öffnet er den Knopf seines Blazers über dem glitzernden Hemd. Dann denkt er über das Ergebnis der Öffnung nach, horcht in sich hinein, stellt Unzufriedenheit fest, sammelt Kraft für das neuerliche Schließen des Knopfes. Wonach er sofort wieder ins Grübeln kommt: War es mit offenem Knopf nicht doch angenehmer? Und schicker? Solche inneren Kämpfe lassen ein wenig von der heldischen Beharrlichkeit des Antriebslosen spüren. Müde sieht er aus unter seinem graumelierten Rudi-Carrell-Schopf, aber doch wohlgelaunt; abgekämpft vom Daseinsleid, aber doch erleichtert, als hätte er es nun hinter sich und käme jetzt zum gemütlichen Teil.

Und das war es auch: gemütlich, behaglich, sanft − bis an die Grenze des Entschlummerns. Ruhig schreiten die beiden ihre Liste von dunkelfunkelnden, poetischen, ironisch reflektierten, einander doch sehr ähnlichen Seelenliedern ab, in denen es ums Scheitern, um vergessene Gärten, um Tiefschlaf in einer Eishöhle, um Abschiede und nächtliches Rauchen auf dem Balkon bei Gesang von Meisenbabys geht.

In Meisenflaum geblasen

Von Lowtzows Stimme erinnert eher an einen sehr großen Kater. Auf leisen Sohlen flufft er gesanglich ein Sofakissen, bettet und rekelt sich. Er lässt die Melodie durch sich hindurchfahren, sich innerlich salben vom Wohlklang, den er tonweise mit zart hingeküssten Konsonanten verabschiedet als würde er Meisenbabys in den Flaum pusten. Dirk von Lowtzow kann sogar T oder ein P zerdehnen, auf dass sie wie Kometen mit einem glitzernden ssss- oder ffff-Schweif in die Dunkelheit tauchen. Um so schaumiger das Volumen seiner Stimme und um so satter Mynthers rhythmisch raffinierte Klavierbegleitung.

So schön das alles ist, dieser Gleichklang, diese Langsamkeit, diese Melancholie − so herausfordernd ist es für die Aufmerksamkeit. Insofern ist die Idee, das Musikprogramm aufzulockern, hervorragend. Und wer hätte gedacht, dass dies ausgerechnet mit dem schon erwähnten Lichtbildervortrag über Ballett funktioniert, gehalten von Eike Wittrock, der in Strickpullover, Gesundheitsschuhen und kurzen Hosen einen schönen Bogen von den Errungenschaften des Ballett Fantastique des 19. Jahrhunderts − dem Spitzentanz und den Unterwasserweltdekorationen − zum neo-zoologischen Theater der Surrealisten schlug und historische Aufnahmen von Federfischen zeigte: still tanzende, in sich ruhende Wesen, die da sind, um schön zu sein, sich wohlzubefinden und die Tragik der Vergänglichkeit zu dekorieren.