Berlin - Am Dienstagabend hat einer der größten Popstars der westlichen Welt, Pharrell Williams, in einer zu drei Vierteln gefüllten mittelgroßen Mehrzweckhalle in Prenzlauer Berg ein Konzert gegeben, in dem er viele seiner grandiosen und völlig zu Recht international erfolgreichen Hits in beeindruckend dilettantischer und langweiliger Weise zur Aufführung brachte; man könnte also sagen, dass es sich um einen Abend der Gegensätze handelte.

Jüngere Hörerinnen und Hörer kennen Pharrell Williams vor allem als Komponisten und Sänger des globalen Gute-Laune-Nr.-1-Lieds „Happy“ aus dem vergangenen Jahr. Ältere erinnern sich eventuell noch daran, dass er schon Anfang des letzten Jahrzehnts als Songschreiber und Produzent reüssierte, unter anderem für Mary J. Blige und den damals gerade aufstrebenden Justin Timberlake. Mit seinem Partner Chad Hugo betrieb er ein Label namens „Star Trak“ und spielte in der Gruppe N.E.R.D. einen Star-Trek-inspirierten Funk-Rock; bei seinem ersten Berliner Konzert 2004 im Huxleys grüßte er seine Verehrer denn auch mit dem Vulkaniergruß.

Im selben Jahr bekam Williams seinen ersten Grammy. Danach bröckelte der Ruhm freilich flott wieder, N.E.R.D. lösten sich auf, und auch Williams verschwand weitgehend in der Versenkung. Bis er 2013 plötzlich zurück auf der Bühne war: als prägendster und meistgebuchter Produzent des Jahres, als freundlich-erotischer Disco-Soul-Interpret, als Komponist und Gaststar von Daft Punk und Robin Thicke sowie als vielbestaunter Träger eines sehr hässlichen braunen Huts auf der Grammy-Verleihung.

Männer musizieren, Frauen tanzen

Diesen trug Williams in Berlin nun nicht, was zu den positiven Aspekten des Abends gehörte; stattdessen hatte er seinen Kopf mit einer karmesinroten Melone bedeckt. Außerdem trug er sehr viele Goldketten und zu Beginn des Auftritts einen Sweater. Als er diesen nach der Darbietung des ersten Stücks auszuziehen versuchte, hatte er große Schwierigkeiten damit, weil er sich mit den Ärmeln in den Goldketten verhedderte und diese sich ineinander verdrehten; nach einigen Momenten gelang es ihm aber doch.

Auf der Bühne wurde Williams von einem umfangreichen Ensemble begleitet, in dem eine strenge sexuelle Rollenverteilung herrschte: Musiziert wurde ausschließlich von Männern, während es ausschließlich Frauen waren, die in erotisch aufreizender, ansonsten aber weitgehend unchoreografiert wirkender Weise um ihn herumtanzten. Allen gemein war nur, dass sie auf ihren Brüsten das Logo einer deutschen Sportartikelfirma trugen; lediglich der Sänger trug das Logo nicht auf seiner Brust, sondern auf dem Po.

Neunzig Minuten spielte sich Williams durch sein Repertoire. Der Abend begann mit einigen Stücken aus der aktuellen LP „GIRL“, etwa „Marilyn Monroe“ und „Come Get It Bae“; anschließend waren eine Vielzahl medleyhaft ineinander verquetschter Fragmente aus Songs zu hören, die er für andere Künstler geschrieben hat, zum Beispiel „Hot In Herre“ für Nelly und „Blurred Lines“ für Robin Thicke. Nach einer halben Stunde musste der Künstler erst einmal verschnaufen, weswegen seine Tänzerinnen ausgiebig Gelegenheit zum Hinternschütteln und spontanen Umeinanderhüpfen erhielten. Danach wurden einige alte N.E.R.D.-Stücke wie etwa „Lapdance“ geboten, bevor Williams wiederum weitere Songs von „GIRL“ mit Kompositionen für andere Künstler vermischte.

Ein Abend voll Jammer

Das hätte alles ganz schön sein können. Leider nur wurden die meisten Stücke nicht einmal ausgespielt, geschweige denn in irgendeiner interessanten Weise musikalisch variiert. Was einerseits an den erheblichen Playback-Anteilen lag und andererseits daran, dass die Band nicht gut genug war. Insbesondere von den Daft-Punk-Stücken „Get Lucky“ und „Lose Yourself to Dance“ war der Gitarrist offenbar derart überfordert, dass sie in verminderter Geschwindigkeit dargeboten wurden; lediglich der Schlagzeuger spielte im Originaltempo.

Spätestens hier verwandelte sich das Befremden beim Betrachten des Abends in echten Jammer: Denn was könnte man gerade mit diesen Stücken nicht alles anstellen, wenn man eine gut eingespielte Band mit Lust am Grooven und Improvisieren besäße. Wie groß war das Versprechen, das Pharrell Williams mit seinem Funk-inspirierten Soulpop auf „GIRL“ abgab – es schien wirklich, als könne er der neue Prince werden –, und wie kläglich war die musikalische Umsetzung in der Schmeling-Halle. Das war kein Konzert, nicht einmal eine Revue (denn dazu fehlte der Flow), es wirkte wie eine wahllos zusammengestoppelte Reihung von MP3-Snippets mit ein bisschen Gehampel dazu.

Bis zu dem Moment, in dem Pharrell Williams in der allerletzten Zugabe mit Konfettiregen den „Happy“-Hit intonierte. Da waren die Band und er plötzlich ganz beieinander und das Publikum bei ihnen, und man begriff, dass es den ganzen Auftritt über nur darum gegangen war, die Zeit zu füllen, bis dieses Lied an die Reihe kommt. Das heißt: Der einstmals größte Pop-Produzent der westlichen Welt ist heute völlig zufrieden damit, von dieser künftig als One-Hit-Wonder betrachtet zu werden. Was für ein trauriger Abend.