Wenn er bettlägerig war, dann ließ sich der Abt des Klosters Monte Cassino, so erzählt es der französische Schriftsteller André Gide in seinen „Aufzeichnungen über Chopin“, nicht die Bücher der Kirchenväter bringen, sondern Noten. „Und was glauben Sie wohl, was ich mir da bringen lasse? Keineswegs Bach, nicht einmal Mozart − sondern Chopin. Das ist reinste Musik“, zitiert Gide aus seiner Audienz.

Maurizio Pollini, inzwischen zweiundsiebzig Jahre alt, glich am Montag in der Philharmonie einem Abt im Frack: Klein, hager, kahlköpfig mit grauem Haarkranz, eher ein asketischer Franziskaner denn ein Benediktiner vom Monte Cassino, ging er zum Klavier und spielte Musik von Frédéric Chopin. Völlig desinteressiert an jeglicher Art von Brillanz, hatte er einen weich intonierten, seidenmatt abgedämpften Steinway-Flügel gewählt und zog nun mit einem fast dürren, ganz zu sich selbst sprechenden Klang die zweieinhalbtausend Hörer (sogar das Chorpodium war ausverkauft) im großen Saal zu sich heran.

Diese Harmonik hat Geschichte geschrieben

Da schimmerte ein perlgrauer Solitär aus Chopins Werk: das Prélude cis-Moll op. 45, nur fünf Minuten lang, aber mit eigener Opuszahl. Chopin liebte es wegen der „schönen Modulationen“, ganz ungewöhnlichen Übergängen von einer Tonart in die andere. Und Pollini spielte es im beiläufigen Konversationston eines Aristokraten, dem es peinlich ist, auf die Pointen seiner Rede auch noch hinzuweisen. Bass und Oberstimme waren ihm wichtig, die Gegenbewegung beider, wenn es jeweils von einer Tonart in die nächste ging.

Sicher, diese Harmonik hat Geschichte geschrieben − all diese durch diskrete Zwischendominanten vermittelten Ganzton-Ketten oder die Untertunnelung des Quintenzirkels mittels Terzverwandtschaften, durch die Chopin innerhalb eines Taktes extrem weit voneinander entfernte Tonarten wie e-Moll und B-Dur verknüpft. Aber Pollini ließ sich in seiner Fixierung auf die Außenstimmen ein wichtiges Moment entgehen: Die aufsteigende Mittelstimme verbindet Harmonik und Melodik ganz organisch miteinander. Sie wächst aus dem Bass wie eine Ranke empor und lässt die melodische Floskel aufkeimen, die dann in der Oberstimme das abenteuerliche Wechseln der Tonarten ganz natürlich erscheinen lässt. Zugleich ist diese Mittelstimme höchst wundersam aus der Bewegung der linken Hand erfunden: Spreizen und Zusammenziehen ermöglichen das Nachrücken des kleinen Fingers beim Aufstieg über die gesamte Tastatur. Körper und Konstruktion sind eins. Das ist so kühn und schlüssig zugleich, so neuartig und elegant, dass man sich denkt: Da können alle anderen Komponisten einpacken!

Pollini war anfangs, in Chopins Balladen F-Dur op. 38 und As-Dur op. 47, etwas nervös und gar zu eilig. In der b-Moll-Sonate op. 35 kam er langsam zu sich, gliederte die Musik klar nach Phasen der Besinnung und Zuspitzung. Groß aber wurde er im zweiten Teil bei den Préludes Nummer eins bis zwölf von Claude Debussy. Hier, wo sich die Musik von aller Psychologie löst und ganz zur tönenden Farbe, zur reinen Kalligrafie der Luft wird, verlor Pollini jegliche Nervosität und verströmte ruhiges, helles Licht.