Berlin - Die Musik der isländischen Komponistin Anna Thorvaldsdottir operiert an extremen Rändern: auf der einen Seite ein geräuschhaftes, oft an einem einzigen Ton aufgehängtes Klingen, auf der anderen eine erstaunlich ungebrochene Tonalität. Es gibt einen Bereich, in dem eine solche Poetik vornehmlich gebraucht wird: im Film. Und dass Thorvaldsdottir bereits bei der Deutschen Grammophon ein sogenanntes „Album“ herausgebracht hat – wie ihr vor drei Jahren in Berlin gestorbener Landsmann und Filmkomponist Jóhann Jóhannsson oder der geschickte Max Richter –, ruft bange Fragen auf, ob sie dem Hörern etwas zu beißen gibt.

Anders als Jóhannsson oder Richter hat Thorvaldsdottir nie für den Film und bislang ohne studiotechnische Blow-ups gearbeitet – aber einen Auftrag von den Berliner Philharmonikern bekommen. „Catamorphosis“, am Freitagabend im Stream unter Leitung von Kirill Petrenko uraufgeführt, funktioniert nach dem Prinzip auch anderer ihrer Orchesterwerke wie „Metacosmos“ oder „Aeriality“: Sie beginnt mit langen Tönen und flüchtigen Figuren auf geräuschhaftem Grund, um bald Dreiklänge einzuwerfen. „Catamorphosis“ enthält in der Mitte eine ausgedehnte Passage über einem tonalen Lamentobass. Statt den Titel – auf deutsch etwa „Abwärtsgestaltung“ oder „Auflösung“ – einzulösen, findet es symmetrisch zum Anfang zurück, macht den Zerfall zum Rahmen statt zum Ergebnis.

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