Was für ein perfekter Waldbühnen-Abend: kein Wölkchen am Himmel, die Temperatur weder zu warm noch zu kalt, keine Mücken und keine Gefahr, bei der Fußball-WM irgend etwas zu verpassen. Das diesjährige Open-Air-Konzert der Berliner Philharmoniker fand am Freitag statt und damit am ersten spielfreien Tag der WM.

Das Konzert einen Tag früher, oder das letzte Gruppenspiel der Nationalmannschaft einen Tag später: das wäre ein echter Härtetest gewesen für die Konkurrenzfähigkeit diesen großen Hochkultur-trifft-Masse-Ereignisses. Der Veranstalter hätte wohl für Public Viewing bis Konzertbeginn sorgen müssen, Piotr Tschaikowskys symphonische Fantasie „Der Sturm“ als erstes Stück des Abends hätte dadurch möglicherweise eine ganz neue Bedeutung erhalten.

So mussten die Philharmoniker selbst für Stadionatmosphäre sorgen, indem sie – auch das schon Tradition – zu Beginn die Welle, „La ola“, von der Bühne aus durchs Rund des Riesentheaters schwappen ließen. Ein wenig Bewegung für all diejenigen, die sich schon früh ihre Plätze gesichert hatten.

Das Glück, unter diesen meteorologisch ausgezeichneten Verhältnissen das Orchester dirigieren zu dürfen, fiel in diesem Jahr auf Gustavo Dudamel, der in der vergangenen Spielzeit zu einer Art erster Gastdirigent der Philharmoniker aufgestiegen ist. Dudamel ist als Einspringer so gewünscht und verfügbar, wie offenbar keiner sonst. Beim Waldbühnenkonzert und der vorangegangenen kleinen Sommertour nach Italien und Mecklenburg-Vorpommern vertrat Dudamel Chefdirigent Simon Rattle. Frühzeitige Berechnungen hatten ergeben, dass Rattle um den geplanten Termin herum zum fünften Mal Vater werden würde; ein Ereignis, das vergangene Woche auch tatsächlich eintrat – herzlichen Glückwunsch!

Und als Mariss Jansons gesundheitsbedingt sein Konzert vor drei Wochen absagen musste, durfte ebenfalls Dudamel übernehmen. Vielleicht hat der Venezuelaner am wenigsten zu tun in der Riege der Stardirigenten, vielleicht wird hier aber einfach schon mal ein Rattle-Nachfolger in sämtlichen Lebens- und Konzertlagen ausgetestet – oder gleich Stück für Stück ans Ensemble herangeführt.

Tierische Antworten

Dudamel hatte neben Brahms“ erster Sinfonie Werke von Tschaikowsky aufs Programm gesetzt: die symphonische Fantasie „Der Sturm“ und die Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“; zwei fantastische Stücke nach Shakespeare also, die noch einmal den gerade 450 Jahre alt gewordenen Dichter hochleben lassen sollten. Zwei Stücke allerdings auch, die in ihrem größtenteils zarten Charakter beim Gebrauch auf der Waldbühne durchaus anfällig sind. Es kam jedoch zu schönen Interaktionen mit der Umgebung, etwa wenn im ruhigen Mittelteil des „Sturms“ die Nachtigallen und Amseln in den Bäumen ringsherum eifrig auf die Vogelstimmen in den Holzbläsern antworten. Oder wenn sich in einen ausklingenden Akkord das Zischen einer vorsichtig geöffneten Cola-Flasche mischt. Oder wenn die traurige Geschichte von „Romeo und Julia“ vom herzhaften Weinen eines übermüdeten Säuglings untermalt wird.

Fast am schönsten aber, wie das Horn im letzten Satz der Brahms-Sinfonie blus: jene Weise, die Brahms bei einem Schweizaufenthalt offenbar den Alphörnern abgelauscht hatte und die nun durch den Talkessel der Waldbühne wehte. Man vermeinte in der angrenzenden Murellenschlucht die Rehe bellen zu hören und im Schanzenwald die Kaninchen fiepen. War aber wohl nur Einbildung.

Dudamel nahm diesen letzten Satz nach der grandiosen Einleitung nicht allzu beschwingt, eher gemütlich-feierlich und auch in den vorangehenden Sätzen drang er nicht auf dramatische Zuspitzung: die Philharmoniker dürfen bei ihm frei aufspielen und singen, was ganz besonders im langsamen Satz mit großartigen Bläsersoli zu schönen Momenten führte. Überraschend, dass das Ende dieses Satzes in der Klangmischung der Tontechnik wie ein altes Akkordeon klang, das die letzten Atemstöße von sich gibt. Was für ein Wunder ist doch die Nachtigall, sie ist auf weite Entfernung zu hören und braucht dabei keinen Verstärker.