Philharmoniker in Jeans und Turnschuhen: Ein Orchester rennt

Berlin - Kolbenhülsen, Kanister und Stahlspiralen hatte man zusammengetragen, auch eine alte Autotür, die laut Partitur von einem örtlichen Schrottplatz stammen müsse. Sie stützte das Dirigentenpodest in der Philharmonie. Sämtliche Vorsprünge auf den Emporen waren mit Pulten bestückt. In der Mitte der Hörersitze von Block A thronte ein Riesen-Tamtam: in schnurgerader Achse zu einem Tamtam auf dem Chorpodium direkt gegenüber, dessen gefühlte Größe dem Zifferblatt der Turmuhr vom Roten Rathaus entsprach. Fast eine Dreiviertelstunde hatte die Umbaupause gedauert nach dem Cellokonzert von Antonín Dvorák, das Daniel Müller-Schott als Solist mit großer Noblesse und blitzsauberem Ton meisterte, während die Berliner Philharmoniker unter Alan Gilbert einen solchen Detaileifer an den Tag legen mussten, dass die Ereignisfülle manchmal etwas fahrig wirkte.

Dann aber: „Kraft“ von Magnus Lindberg, ein raumgreifendes, halbstündiges Stück, dessen deutsch klingender Titel sich nicht daraus erklärt, dass es 1984/85 in der Berliner Wohnung von Nina Hagen unter dem Eindruck von Konzerten der Punk-Band „Einstürzende Neubauten“ komponiert wurde, sondern weil „Kraft“ im Schwedischen das Gleiche bedeutet wie im Deutschen. Und Schwedisch ist die Muttersprache des höchst erfolgreichen Finnen Lindberg. Obwohl „Kraft“ ihm den internationalen Durchbruch brachte und die Philharmoniker schon andere Stücke von Lindberg gespielt hatten, wagte sich das Orchester erst jetzt an die Integration jener „rumpelnden Reste der Industriegesellschaft“ (Lindberg) in sein philharmonisches Biotop.

Komm, fass ihn an, den Klang!

„Kraft“ ist ein Plädoyer für die Kunstwürdigkeit der schwerindustriellen Welt, wie man es vom Futurismus der 1920er Jahre, Alexander Mossolows „Eisenwalzwerk“ etwa, kennt. Aber was bei Mossolow Aufbruch war, das wird bei Lindberg schon Reflex des Niedergangs. Diese gigantischen Schwenkgeräusche von Kränen einer Großbaustelle, das Blubbern (Wassereimer mit Gartenschläuchen) in der Kanalisation, das Presslufthämmern von Bläsern und Eisenketten, die Signale eines Containerhafens nehmen um zwanzig Jahre vorweg, was dann Michael Glawogger 2005 mit seinem Dokumentarfilm „Working Man’s Death“ eingefangen hat: die Verdrängung industrieller Arbeit aus Europa in die Menschenschinderei der Entwicklungsländer.

Einen Versuch, den „Klang als tastbares, körperliches Ding“ in den Raum zu stellen, hatte der Dirigent Alan Gilbert das Stück in seiner kurzen Ansprache vorab genannt. Und diese Sehnsucht nach Körperlichkeit lässt sich ja heute viel deutlicher begreifen als Reaktion auf den Vormarsch des Virtuellen, den die Digitalisierung ausgelöst hat. Körperlich wurde der Klang hier vor allem durch die Bewegung im Saal − und zwar im doppelten Sinne. Durch die Klangachsen zwischen den großen Tamtams (wovon jenes im Publikum sich um sich selbst drehte) und deren Kreuzung mit zwei kleinen Gongs an der Seite, fingen die Druckwellen an, räumlich zu pendeln und zu pulsieren, was wirklich einen starken Eindruck machte. Zudem mussten mehrere Solisten − darunter der Komponist persönlich − oft rasch ihre Positionen und Instrumente ändern. Um die Distanzen im Sprint zu bewältigen, hatten sie Frack und Lackschuhe getauscht gegen Jeans, Polohemd und Sneakers. Andreas Ottenamer, der Soloklarinettist, strahlte sichtbaren Spaß aus am fliegenden Wechsel zwischen Bassklarinette, Wassereimer und Tamtam. Die Zimbeln hätte er im Scherz fast dem Intendanten Martin Hoffmann in die Hände gedrückt.

Die Philharmoniker bewiesen mit „Kraft“, dass sie sich nicht nur technologisch, sondern auch ästhetisch ihren Anspruch auf die Zukunft nicht streitig machen lassen wollen. Gleichwohl ist auch diese Feier des Echten ab Sonnabend zu sehen in der Digital Concert Hall, die Sie hier finden.