BerlinWährend des Ersten Weltkriegs empfahl Felix von Luschan, Leiter des Berliner Völkerkundemuseums, seinen Kollegen dringend, nach Wünsdorf zu fahren. Der Besuch im dortigen Gefangenenlager sei für Ethnologen „fast so lohnend wie eine Weltreise“. Der Grund für seine Begeisterung war das sogenannte Halbmond-Lager, Internierungsort für mehr als 30.000 Muslime aus Asien und Afrika. Als Wehrpflichtige der britischen und französischen Kolonialmächte waren sie in deutsche Gefangenschaft geraten. Den Überlieferungen zufolge wurden sie korrekt behandelt: Es gab ausreichend Nahrung, sportliche und musische Betätigungen sowie Möglichkeiten der Religionsausübung. In den tristen Brandenburger Sand- und Kiefernboden wurde sogar eine imposante Moschee mit Minarett gesetzt.

Dem Ruf nach Wünsdorf folgte damals auch Wilhelm Doegen, Leiter der Lautabteilung in der Berliner Staatsbibliothek. Er fertigte zahlreiche Aufnahmen mit den Stimmen von Gefangenen an, die auf Schellackplatten der Nachwelt erhalten blieben. Einer dieser Stimmen kommt in Philip Scheffners Filmessay „The Halfmoon Files“ (2007) eine zentrale Rolle zu. Mall Singh, ein aus dem Punjab stammender Sikh, spricht: „Es war einmal ein Mann. Er geriet in den europäischen Krieg. Deutschland nahm diesen Mann gefangen. Er möchte nach Indien zurückkehren.“ Ausgehend von diesem zarten Zeugnis entfächert sich ein polyfones dokumentarisches Geflecht, dessen einzelne Linien überraschende Wendungen nehmen, die sich aber dann zu einem faszinierenden Ganzen verbinden. Es geht hier nicht zuletzt auch um unbequeme Fragestellungen zu kolonialer Vergangenheit und postkolonialer Gegenwart – lange bevor dieses Thema von der Politik entdeckt wurde.

„The Halfmoon Files“ war Scheffners erster abendfüllender Film, bislang folgten vier weitere. In seinem Debüt waren bereits alle Elemente ausgeformt, die seine Methode ausmachen. Scheinbar aus ihrem Kontext gerissene Erscheinungen werden zunächst auf ihre unmittelbare Wahrnehmung und Wirkung hin untersucht. Einordnung und Analyse bauen sich dann im weiteren Verlauf auf. Als Zuschauer geht man mit dem Regisseur faktisch auf Expedition. 

Das Arsenal präsentiert alle  Filme nun in ihrem virtuellen Kinosaal 3. Thematisiert werden u. a. menschliche Fluchtbewegungen („Revision“ und „Havarie“) oder die unerwarteten Zusammenhänge von Krieg, Frieden und Natur („Der Tag des Spatzen“). Doch mit Inhaltsbeschreibungen kommt man hier nicht weit; man muss sich schon einlassen auf diese Seh-, Hör- und Erkenntnisangebote. Sie belegen die Notwendigkeit ungewöhnlicher Perspektiven auf mutmaßlich „auserzählte“ Sujets. Scheffners Blick behält dabei stets die Neugier eines Kindes und die Gelassenheit eines Weisen.

Werkschau Philip Scheffner Arsenal 3 unter: www.arsenal-3-berlin.de, bis zum 31. Januar. Am 21. Januar um 18 Uhr findet eine Online-Diskussion mit Philip Scheffner statt.