Unsere Erde.
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BerlinPhilipp Blom hat ein kleines Buch geschrieben mit dem Titel „Das große Welttheater – Von der Macht der Vorstellungskraft in Zeiten des Umbruchs“. Blom geht den drei großen von Freud genannten Kränkungen der Menschheit nach: Galileo Galilei schubste die Erde aus dem Zentrum des Sonnensystems, Charles Darwin nahm dem Menschen seine Sonderstellung in der Natur, Sigmund Freud zeigte ihm, dass er nicht einmal über sich selbst Bescheid weiß. Aber Bloms kleines Bändchen hat fünf Kapitel. Also kommt hinzu: Edwin Hubbles Einsicht, dass das damals bekannte Universum nichts war als eine einzige Milchstraße, hinter der es weitere und weitere gab. Heute rechnen wir mit zweihundert Milliarden.

Und die fünfte? Blom schreibt: „Ein wahrnehmendes Ich und eine wahrgenommene Welt flimmern auf, weil ein Organismus so adaptiert ist, dass er bestimmte Stimuli wahrnehmen und sich aus ihnen ein Bild von der Welt machen kann, das es ihm erlaubt, sich erfolgreich durch die physische, die soziale und die psychologische Umgebung zu bewegen, indem er ihre Erfahrungsinhalte ständig dramatisiert, sie emotional auflädt, sich Geschichten über sie erzählt. Dieser Film heißt Bewusstsein, in ihm spielt sich alles Leben und Erleben, alles Wahrnehmen und Erinnern und Empfinden ab. Der Film reißt irgendwann ab. Er ist unendlich schön und unerträglich grausam.“

Das ist noch nicht das Ende des Buches. Wer auf die Idee kommt, es handele sich um kein Sachbuch, sondern um eine Meditation, liegt falsch. Blom liefert auch Zahlen. Zum Beispiel werden, wenn es um die zweite narzisstische Kränkung geht, die Zahlen zum angewachsenen CO2-Ausstoß geliefert. Oder zur Plastikvermüllung des Planeten: 1970, im Geburtsjahr von Philipp Blom, wurden weltweit 35 Millionen Tonnen Plastik produziert. 2015 waren es 381 Millionen. 2016 wurden allein 480 Milliarden PET-Flaschen verkauft. Der Mensch ist weit davon entfernt zu begreifen, dass er zur Natur gehört, die er vernichtet.

Vier seiner Kapitel hat Blom ein Zitat vorangestellt, das uns daran erinnert, dass der Mensch sich wohl von Anfang an darüber im Klaren war, dass ihm die Instrumente fehlten, seine Lage zu begreifen, ja, dass er noch nicht einmal fähig war, das, was er begriffen zu haben glaubte, in Worte zu fassen. Vielleicht ist die fünfte Kränkung ja die älteste? Das die Kapitel einleitende Zitat stammt von einem Autor, der sich Chacheperreseneb (Chacheperra ist gesund) nannte und um 1800 v. Chr. lebte. Also im Mittleren Reich, in der großen Zeit der ägyptischen Literatur. „Hätt’ ich doch/ Unbekannte Ausdrücke/ Fremdartige Aussprüche/ Neue Worte/ Frei von Wiederholungen./ O wüsst’ ich doch nur/ Was andere nicht wissen/ Was noch nicht gesagt wurde.“ So spricht Chacheperreseneb. Es ist ein Klagelied. Der Ägyptologe Jan Assmann, dessen Übersetzung Blom zitiert, sagt, Klagelieder seien damals eine besonders beliebte Gattung gewesen. Nicht weil es den Leuten schlecht ging. Sondern ganz im Gegenteil: Sie liebten das Klagen in glücklichen Zeiten. Das kommt einem vertraut vor.

Womit wir doch wieder bei der Meditation wären. Schon die Texte von Chacheperreseneb sind so, dass man das Buch beiseite legt und sich Gedanken macht, die einen ja schon durch die fast 4000 Jahre Abstand ausschweifen lassen: „Die Gerechtigkeit ist hinausgeworfen/ Das Unrecht sitzt im Ratssaal/ Die Feindseligkeit wird auch morgen/ nicht vergangen sein/ Niemand ist frei von Verbrechen/ Alle begehen es/ Und alle Welt schweigt darüber/ Ich will darüber reden.“ Da spricht Chacheperreseneb, aber da spricht auch Philipp Blom. Woher nimmt er die Kraft, darüber zu reden? Wenn er doch weiß, dass es schon vor viertausend Jahren sinnlos war. Oder erinnert Blom uns daran, dass sein Buch, so sehr es mit facts and figures prunkt, so sehr es geeignet ist, uns Angst zu machen, doch auch einer Textgattung angehört, die ihre eigenen Gesetze hat? Es steckt viel Ironie in Bloms Meisterwerk.

Philipp Blom: „Das große Welttheater – Von der Macht der Vorstellungskraft in Zeiten des Umbruchs“, Paul Zsolnay Verlag, Wien 2020. 126 Seiten, 18 Euro.