Keine Schönschrift und kein stilvolles Graffiti, aber die Botschaft ist klar (Abbildung ähnlich).
Foto: Philipp Löhle

BerlinIst klar. Derzeit gibt es nur ein Thema. Überall. Und vor allem bei uns im Haus. „Thomas Kruster* hat ein (!) klein (!) Pimmel“. So stand es bei uns in wirklich sehr großen Buchstaben ans Hoftor gekritzelt. Keine Schönschrift und kein stilvolles Graffiti, sondern mit schwarzem Filzstift in liederlicher Blockschrift leicht zur Seite neigend hingeschmiert. Aber immerhin: Man kann es lesen! Die Botschaft ist klar!

Zunächst einmal fällt auf: Es ist offenbar möglich, in einem kurzen Satz sehr viele Fehler unterzubringen. Das völlige Abhandensein jeglicher Satzzeichen ist noch zu vernachlässigen, wenn man die Worte eher als eine Art Slogan versteht, worauf auch die Blockschrift hindeutet. Die brauchen keine Satzzeichen oder werden höchstens mit Ausrufezeichen überflutet. Da ist man über einen fehlenden Punkt schon fast dankbar. Die Grammatikkenntnis des Schreibers lässt allerdings zu wünschen übrig, beziehungsweise deutet darauf hin, dass er schreibt, wie er spricht. Eher Typ Berliner Schnauze, wo ungehörte Laute auch im Schriftbild fehlen. Oder ist er vielleicht ganz im Sinne Gerhart Hauptmanns und dessen dialektaler Alltagssprache unterwegs?

„Ein Pimmel“ alleine wäre erst mal korrekt, aber in diesem Fall gehört der Pimmel Thomas Kruster und wird somit zum Akkusativobjekt. Und das hat der Schreiber im unbestimmten Artikel einfach unterschlagen, ihn, den Pimmel, gar als Neutrum behandelt! Steckt darin schon eine erste kleine Gemeinheit?

Noch gravierender ist die Auswirkung auf das Adjektiv, welches die Größe des Objekts beschreiben soll, denn „klein Pimmel“ ist so oder so falsch. Selbst wenn Thomas Krusters Pimmel nicht maskulin (kleinen), sondern neutrum (kleines) oder gar feminin (kleine) wäre, das Wörtchen „klein“ bleibt nicht zu rechtfertigen. Eine Möglichkeit wäre gewesen, von Thomas Krusters Geschlechtsteil zu sprechen, dann hätte zumindest der Artikel „ein“ seine Berechtigung aber „ein klein Geschlechtsteil“ klingt noch schlimmer und bei „Thomas Kruster hat ein Geschlechtsteil“, nähme man dem Verfasser womöglich mit dem minimierenden Adjektiv den wichtigsten Teil seiner Aussage.

Was uns zum inhaltlichen Aspekt der Behauptung führt, denn ich kenne Thomas Kruster selbst nicht. Er wohnt auch nicht bei uns im Haus. Ich kenne nicht mal jemanden, der Thomas Kruster kennt. Und am wenigsten habe ich Informationen über die wahre Größe von Thomas Krusters Gemächt, weshalb die Aussage, er habe „ein klein Pimmel“ überhaupt nicht überprüft werden kann. Erschwerend kommt hinzu: Gerade was die Größe männlicher Genitalien angeht, wird oft viel behauptet, was bei näherer Betrachtung nicht standhält. Und: Was heißt denn klein überhaupt? Ist das messbar? Bezieht sich der Verfasser auf Studien über die Durchschnittsgröße männlicher Genitalien? Wo fängt klein an und hört groß auf? Und ist es nicht unstatthaft, möchte ich aus allgemeinem und dezidiert nicht aus persönlichem Interesse fragen, Qualität und Wirkweise allein an der Größe festzumachen?

Somit finde ich es schwierig, intime Beschreibungen über mir unbekannte Menschen am Hoftor lesen zu müssen. Der Fall wäre anders gelagert, stünde dort „Philipp Löhle hat ein klein Pimmel“. Denn dazu könnte ich mich in irgendeiner Weise verhalten.

* Name geändert (d. Red.)