Die Gürtellinie des Mannes, sagt die Anstandsregel für Gesellschaftskleidung, soll, wenn er steht, bedeckt sein: entweder durch eine Weste oder durch eine Bauchbinde, die beim Smoking mit gnadenlosem Realismus „Kummerbund“ genannt wird. Nun hat der Countertenor Philippe Jaroussky, der auch mit 36 Jahren noch aussieht, als wäre er halb so alt, rund um die Gürtellinie rein gar nichts, was ihm Kummer bereiten müsste. Er kann es sich einfach leisten, beim Singen − wie am dritten Adventssonntag im proppenvollen großen Saal des Konzerthauses − die Jacke seines Smokings anstandswidrig offenstehen zu lassen. Das gibt ihm mehr Luft beim Singen und uns einen Einblick in seine Kunst.

Denn mit seiner heiteren Großzügigkeit machte er das Berliner Publikum zum Voyeur seiner umwerfenden Technik. Man sah, wie es hüpfte, ungefähr achtmal pro Sekunde: das Zwerchfell, bei den spaghettilangen Koloraturen in der Arie „Se in ogni guardo“ aus der 1714 entstandenen Oper „Orlando finto pazzo“ von Antonio Vivaldi.

20 Zentimeter Notengirlanden

Der venezianische Komponist war der glänzendste Geiger seiner Zeit und behandelte auch die Singstimme gnadenlos wie ein Instrument. Die Mezzosopranistin Magdalena Kozená rief vor wenigen Jahren einmal aus, als sie Vivaldi-Arien für die CD aufnehmen sollte: „Mein Gott! Wo soll ich denn da atmen?!“ Jaroussky aber kann das singen: Zwanzig Zentimeter Notengirlanden mit ein Mal Luftholen, alle Töne sauberer, als jede Blockflöte es hinkriegen würde, Ton für Ton exakt fokussiert, nur durch Kehle und Zwerchfell getrennt, nicht durch ständige „Ha-ha-ha“-Neuansätze dazwischen.

Philippe Jaroussky, dessen hoher Countertenor durch seine Reinheit und Weichheit noch immer verwirrt, weil man nicht weiß, ob da ein Mann, eine Frau oder ein Kind singt, muss irgendwie durch die Ohren atmen. Nicht nur bei dem wüsten Gekräusel in den schnellen Arien kam man aus dem Staunen kaum heraus, sondern auch bei den langen, langen Bögen in Vivaldis „Stabat mater“, wo der Hörer sich einfühlen soll in das Leid Marias, die ihren Sohn Jesus am Kreuz beweint. Jarousskys Kunst wäre hier zu beschreiben als Virtuosität der Demut: Nicht nur, weil er ganz auf Schlichtheit setzte und sich jeglichen Glanz des Spektakels in diesem Stück versagte; sondern vielmehr, weil er seinen Körper ganz dem sprachlichen und musikalischen Sinn unterwarf. Sein Atem folgte streng den Satzzeichen und der Versstruktur des gereimten Textes, die sich wiederum in den korrespondierenden Phrasen der Musik abbilden. Dazu gehören Weitsicht und Disziplin, worüber dieser Ausnahmesänger in höchstem Maß verfügt.

Das Handwerk der Schönheit

Begleitet wurde er vom Ensemble Artaserse, dem man seine angenehm französische Prägung anhörte: Die Streicher mochten den geräuschlastigen, aufgepeitschten Klang italienischer Barockorchester nicht. Sie suchten nach Dezenz und Präzision. Gerade im einleitenden Concerto c-Moll RV 120 konnte man daher endlich wieder hören, dass Vivaldi nicht bloß ein barocker Affektrhetoriker war, sondern ein Proportionsästhetiker, der durch klare harmonische Pläne große Formen bauen wollte und konnte. Lediglich das Konzert für zwei Violinen und Streicher a-Moll op. 3 Nr. 8 geriet den Musikern zu schnell, so dass nicht nur die Dramatik der Musik plump veräußerlicht wurde, sondern auch die beiden Solisten an die Grenze ihres Könnens gerieten.

Jaroussky hingegen zeigte sich einmal mehr als Sänger, der seine Raffinesse steigert, indem er sich zügelt. Er vereint Können, Charisma und Intelligenz auf einzigartige Weise. Seine Verzierungen im Dacapo der innigen Arie „Mentre dormi“ offenbarten tiefe musikalische Einsicht: Durch eigenes Zutun wusste er eine Gesangslinie noch schöner zu machen, weil er das Handwerk der Schönheit genau kennt. Er schloss mit einem Nachtlied aus Vivaldis Vertonung des Psalms 127: „Cum dederit dilectis suis somnum“. Das heißt: „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf“. Nachzuhören ist alles auf der CD „Pietà“, die gerade bei Erato herauskam.