Das Philosophieren beginne mit dem Staunen, sagte Aristoteles vor zweieinhalbtausend Jahren. Er meinte das urwüchsige Philosophieren, das Nachdenken über scheinbar kindlich-naive Fragen nach dem Leben, dem Tod, dem Woher und Wohin. Als Erwachsener vergisst man oft, dass dahinter die eigentlichen Themen des Lebens stehen.

Der norwegische Schriftsteller Jostein Gaarder hatte deshalb gewiss nicht nur Kinder im Blick, als er sein neues kleines Buch verfasste: „Fragen fragen“. Es soll zum Denken und Diskutieren anregen, ohne gleich Antworten zu geben. Bei vielen der etwa fünfzig Fragen kann man das auch gar nicht. Wer kennt zum Beispiel schlüssige Antworten auf Fragen, wie: „Warum lebe ich? Warum gibt es eine Welt? Warum gibt es überhaupt irgendwas?“ Auch noch so kluge Theorien des Urknalls und der Menschwerdung erklären ja nicht, warum etwas geschieht.

Das Buch eignet sich dennoch hervorragend, um mit Kindern zu philosophieren. Sie beginnen ja recht früh damit. (Der Verlag empfiehlt als Alter sogar drei bis sechs Jahre.) Man kann gemeinsam Fragen aussuchen, etwa: „Wie wird es in hundert Jahren auf der Welt aussehen?“ oder: „Muss ich viele Dinge besitzen, um glücklich zu sein?“ Es geht dabei vor allem um den Spaß am Denken, die Entwicklung von Wissen, Fantasie und Wertvorstellungen. Eigenartig nebelhaft wirken allerdings die Bilder des Illustrators Akin Düzakin. Sie zeigen einen Jungen, der Abenteuer erlebt und dabei unter anderem von einem Hund und einem Lichtwesen, offenbar seinem Geist, begleitet wird.

Lust am Denken wecken

Weniger verrätselt sind die Illustrationen in einem anderen Buch, das kindliches Philosophieren fördern soll. Es trägt den Titel: „Was, wenn es nur so aussieht, als wäre ich da?“ Hier tummeln sich Gestalten mit großen kugeligen Köpfen, wie aus einem Pixar-Film, geschaffen von Jacques Després, der als Computer-Animateur und Spiele-Entwickler gearbeitet hat. Auf witzige und zugleich berührende Weise passen die Handlungen und Stimmungen der digitalen Wesen zu den Gedanken, die der französische Philosoph Oscar Brenifier aufgeschrieben hat. Das in diesem Jahr für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominierte Buch richtet sich wie auch sein Nachfolger „Was, wenn ich nicht der wäre, der ich bin?“ an Kinder ab zwölf Jahren. Es versucht auf einfache, klare Weise, Lust am Denken zu wecken – und auch System hineinzubringen. In einer Zeit der oberflächlichen Reize ist dies eine wichtige Aufgabe.
„Ohne Gegensätze kann man nicht denken“, schreibt Oscar Brenifier. Er nimmt sich nacheinander zwölf gegensätzliche Begriffspaare vor, darunter: Ursache und Wirkung, das Ich und der Andere, Körper und Geist, Endlich und Unendlich, Zeit und Ewigkeit. Kindgerechten Definitionen folgen anregende Fragen und kleine Betrachtungen.

Heiter auf der Suche

Freiheit ist zum Beispiel „die Möglichkeit, aus sich selbst heraus zu wählen, was man denkt, was man tut, was man liebt, wohin man geht, wie man sich verhält …“ Dem gegenüber steht die Notwendigkeit, der man sich fügen muss. Die Frage lautet: „Kann es Freiheit geben, wenn man die Notwendigkeit ignoriert?“ Brenifier wägt ab, zeigt Grenzen und Gefahren auf, aber auch die einzigartige Chance, etwas zu nutzen, was nur der Mensch nutzen kann: bewusste Freiheit.

An Brenifiers Büchern imponiert vor allem die Ernsthaftigkeit, mit der der Autor zum Denken anregt, er wendet sich gegen die Oberflächlichkeit, mit der sonst oft über solche Themen geredet wird. Wahrheit und Lüge? Schein und Sein? Wie schnell wird geurteilt. Oscar Brenifier aber schreibt: „Ich war mal ein winziger Embryo, dann werde ich ein Erwachsener sein – und schließlich ein zu Staub zerfallendes Skelett. Wie soll ich wissen, wer ich wirklich bin?“Das ist wirkliche Philosophie. Die Figuren mit den großen runden Köpfen schauen uns heiter bei dem Versuch zu, Antworten zu finden.

Oscar Brenifier/Jacques Després: Was, wenn es nur so aussieht ... Gabriel, Stuttgart 2012. 96 S., 14,95 Euro.

Jostein Gaarder, Akin Düzakin: Fragen fragen. Hanser, München 2012, 80 S., 10 Euro.