Vor wenigen Wochen ist Frigga Haug 80 Jahre alt geworden. In den letzten drei Jahren war sie sehr krank, jetzt erholt sie sich – mit Arbeit. Sie weilt derzeit auf La Palma. Das Gespräch fand per Skype statt.

Frau Haug, was haben Sie sich für 2018 vorgenommen?

Ich arbeite gerade an drei Büchern. Und da geht es auch um eine Feuerbach-These von Marx: Selbstveränderung und Veränderung der Umstände fallen in revolutionärer Praxis zusammen. Als ich den Satz das erste Mal las, dachte ich, er betrifft mich nicht, denn ich will doch nicht in die Baader-Meinhof-Gruppe.

Ich will nicht selber sofort die Revolution machen. Aber beim späteren Lesen war ich glücklich über eben diesen Satz, weil er erlaubte, Selbstveränderung in ein Projekt der Gesellschaftsgestaltung aufzunehmen. Darin fand ich ein Lebensprojekt für mich. Dann reise ich noch zu Vorträgen. Das gibt mir Kraft. Ich bin unterwegs, um Menschen zu ermutigen, ihr Leben selber in eigene Hände zu nehmen. Letzte Woche kam eine Einladung nach Mexiko.

Worüber werden Sie sprechen?

Ich werde mein Projekt Marxismus-Feminismus dort vorstellen. Überall in der Welt gibt es ja Gruppen von Marxistinnen, die gleichzeitig Feministinnen sind. Vor zwei Jahren habe ich alle mir bekannten angeschrieben. Zusammen müssten sie eigentlich unwiderstehlich sein. So haben wir 2015 in Berlin die marxistisch-feministische Internationale gegründet.

Wenn Sie auf 2017 zurückblicken: Was hat Sie erschüttert?

Die Aussicht auf einen Atomkrieg. Da nützt es überhaupt nichts, die Drohgebärden als Männerspiele lächerlich zu finden. Wenn zwei Männer über Atomwaffen verfügen, ist das eine so grauenhafte Perspektive, dass es mir jede Satire verunmöglicht.

Nach dem Amtsantritt von Donald Trump versammelte der Women’s March 700.000 Menschen alleine in Washington. Den Hashtag #metoo haben über Nacht 12 Millionen Frauen gepostet. Sind diese weiblichen Protestwellen bestärkend?

Als ich 1992 als Gastprofessorin in Kanada war, begann dort schon einmal eine derartige große Bewegung. Ich habe die Frage, als ich zurückgekehrt war, sorgfältig bearbeitet, nämlich: Was ist eigentlich sexueller Missbrauch? Und ich erinnerte mich dann, dass vorher, nämlich auch 1984, eine solche Bewegung durch das Land ging. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz wurde plötzlich ein Straftatbestand.

Wir erarbeiteten diese höchst widersprüchliche Politik in einem gewerkschaftlichen Projekt und veröffentlichten dazu das Buch „Lustmolche und Köderfrauen“. Einer meiner zentralen Einwände war: Man muss aufhören, Frauen nur als Opfer zu sehen. Wenn man das tut, hält man sie in Subalternität fest. Frauen sind als Opfer Täterinnen. Sich opfern ist eine Tat. Lasst uns untersuchen, wie diese Ko-Produktion von Frauen als unterdrücktes Geschlecht gemacht wird. Nur so können wir eingreifen. Den Frauenmarsch nach der Trump-Wahl haben wir sehr unterstützt. Wie finden Sie denn #metoo?

Was mich gestört hat, war zunächst, dass #metoo die Tragödie fortschreibt, indem es heißt: Ich bin auch Opfer geworden! Andererseits ist es ein Akt der kollektiven Ermächtigung, sich anzuschließen und zu sagen: Auch ich bringe das jetzt ans Tageslicht! In Ihrem Buch „Der im Gehen erkundete Weg“ schreiben Sie allerdings, es stünden seit mehr als 100 Jahren „nicht mehr die Emanzipation von Bevölkerungsteilen, sondern die der Menschheit auf der Tagesordnung“. Wird einseitig stattfindender Widerstand reaktionär?

Alle einseitigen Bewegungen werden langfristig reaktionär. Befreit man auf der einen Seite, zieht man auf der anderen Seite die Herrschaftslinien fester. So etwa, wenn man die Vollzeiterwerbsarbeitsplätze schützt und gerade damit, bei sprunghafter Erhöhung der Produktivität von Arbeit, die Arbeitslosigkeit vergrößert.

Oder: Sobald Frauen die Freiheit der Entscheidung, berufstätig zu sein, erkämpft haben, wird der „Ernährerlohn“ abgeschafft, wodurch auch Mütter in Überarbeit durch mehrere Teilzeitjobs gezwungen werden. Ich finde es zu wenig, zu sagen: Auch ich. Im sozialistischen Frauenbund war unsere Losung: Jammere nicht, leiste Widerstand! Wie verallgemeinert man das, dass die Menschen sich als Gemeinwesen begreifen und ihre Fragen und Initiativen, ihre Bewegungen und ihren Veränderungswillen und ihren Zorn umbauen in ein Projekt für alle? Wie machen wir das zur Stärkung der Kräfte und Kompetenzen einer demokratischen Gesellschaftsgestaltung?

Neulich haben Sie im Münchner Gewerkschaftshaus beim Antifa-Kongress über Ihre Vier-in-einem-Perspektive gesprochen. Darin geht es etwa um eine Reduzierung der Erwerbsarbeit und die Möglichkeit der Sorgearbeit und politische Mitbestimmung für alle. Der Kongress musste von der Polizei vor rechten Gegnern geschützt werden.

Es war schwierig reinzukommen. Die Polizei musste uns einen kleinen Kordon schaffen. Es war eine ziemliche Beklemmung. Aber das Auftreten von Staatsgewalt und ganz rechten bis faschistischen Demos und die Gegendemo von ver.di machte die Menschen nun noch aufnahmebereiter zu überlegen: Was ist denn unser Projekt? Und da untersucht man nun konkreter, wie in einer komplexen Gesellschaft, einer Einwanderungsgesellschaft, verschiedene Herrschaftsarten zusammenwirken und wie dagegen Widerstand von wem jetzt und wie mobilisiert werden kann.

Die Willkommenskultur von Merkel ist ja ein unglaublich humaner und schöner Gedanke. Gleichzeitig müsste man das ganze Schulsystem revolutionieren und die Krankenhäuser gleich mit, wenn die Menschen hier krank und hilfsbedürftig ankommen. Um diesen Satz also zu sagen, hätte man mindestens 20 Jahre vorher die Weichen stellen müssen. Und jetzt haben wir die ganzen liegengelassenen Infrastrukturen wie Knüppel auf allen Köpfen. Die Vier-in-einem-Perspektive ist ein langfristiges, transformatorisches Projekt und ordnet die vielen Arbeits- und Tätigkeitsarten anders. Maßstab ist: Es muss für alle gelten.

Sie schreiben über die Notwendigkeit der Gleichzeitigkeit von Kämpfen. Wenn Social-Media-Unternehmen und Universitäten queerfeministische und anti-rassistische Forderungen aufgreifen, dann kritisieren Klassenkämpfer vom alten Schlage, dass diese emanzipatorischen Zugewinne keine seien, so lange sie nicht...

So lange sie nicht in ein transformatorisches Projekt eingelassen sind. Damit meine ich eines, das nicht nur die Arbeitszeitverkürzung betrifft, also nur diejenigen, die einen Arbeitsplatz haben. Oder eine Anerkennung und Bezahlung von Mütter- und Familienarbeit – das bringt das Humane unter die Lohnform und gilt für viele andere nicht.

Aber warum soll man gegen Allgender-Toiletten polemisieren? Das sind gewonnene Kämpfe, die auch in einem zukünftigen, transformatorischen Projekt brauchbar wären.

Das steht auch schon bei Marx. Dass die Früchte, die in der antagonistischen Form der kapitalistischen Epoche herangewachsen sind, nicht selbst aufgeopfert werden sollen, denn im Schoße der alten Gesellschaft wachsen die Elemente des Neuen.

Wie hilfreich ist ein Bild des Menschen, wie er sein könnte, wenn Sie an Möglichkeiten der Fürsorge und der Kooperation arbeiten? Und wie geht es Ihnen mit neueren Konzepten, die den Menschen, wie wir ihn kennen, überwinden wollen? Donna Haraway etwa lehnt den Begriff des Anthropozäns ab und empfiehlt, den Menschen als Spezies aus dem Zentrum der Betrachtung zu rücken.

Ich kenne Haraway schon seit 40 Jahren. Sie trat in die feministischen Debatten ein mit der Aufforderung, nicht mehr von Geschlechtern auszugehen in unserer Kritik an gesellschaftlichen Verhältnissen. Das war umwälzend und befreiend. Aber die Menschen aus dem Zentrum zu nehmen? Ich würde der Menschheit die Verantwortung nicht erlassen, für diese Gesellschaft und diese Erdzerstörung. Es bedeutet mir etwas, vom Menschen zu sprechen. Aber nicht so, dass die anderen Lebewesen uns untergeordnet sind und wir sind ihre Obermacker.