Igor Levit, Musiker mit einem besonderen Ton.
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BerlinWenn dem in Berlin lebenden Pianisten Igor Levit der Beethoven-Preis zugesprochen wird, dann nimmt der arglose Musikfreund wohl an, dass es sich um die gerechte Auszeichnung für seine vor kurzem erschienene, hochgerühmte Gesamtaufnahme aller 32 Beethoven-Klaviersonaten handelt.

Weit gefehlt. Der Beethoven-Preis wird nicht einfach einem Musiker verliehen, der karriereversessen an seinem Instrument werkelt. Der „Internationale Beethovenpreis für Menschenrechte, Frieden, Freiheit, Armutsbekämpfung und Inklusion“ nimmt den Komponisten als „Sozialutopisten und gesellschaftlichen Visionär“ in Beschlag und wird von der 2016 in Bad Honnef gegründeten Beethoven Academy an Musiker verliehen, die in diesem Sinne auffällig werden.

Mit Musik allein ist das schwierig. Auch Beethoven musste zu einem Opernlibretto greifen oder zu Schillers Versen, und besonders qualifiziert hat ihn ein Stammbucheintrag: „Wohl tun, wo man kann; Freiheit über alles lieben“.

Igor Levit gewinnt durch seine politische Positionierung auch als Künstler

Auch die bisher ausgezeichneten Künstler wie Wolfgang Niedecken, oder Gabriela Montero haben sich wie jetzt Igor Levit nicht nur mit ihren Tönen, sondern mit Liedtexten oder öffentlichen Stellungnahmen empfohlen. Igor Levit hat 33.000 Follower bei Twitter, die er auf den Geist der Demokratie, Menschenwürde und des Klimaschutzes einschwört. Er gibt Interviews, in denen er seine Position verteidigt. Im Konzertsaal richtet er gelegentlich das Wort an seine Hörer.

Levit empfindet das als selbstverständlich. Der 32-Jährige, der als Kind aus Russland nach Deutschland kam, weiß, dass seine freie Arbeit als Pianist an gesellschaftlichen Voraussetzungen hängt, die er gefährdet sieht. Dass man ihm 2011 sagte, er gehöre aufgrund seiner jüdischen Herkunft nicht mehr hier her, war ein erster Weckruf gegen Diskriminierung. Vollends politisiert hat ihn die Begegnung mit Menschen im Flüchtlingslager Idomeni, die „das Elementarste“ nicht mehr erleben: „aufwachen und einen Plan haben“.

In traditionell verschlafenen Klassik-Kreisen ist jemand wie er, der für jene Werte eintritt, die dieser Musik doch zugrundeliegen, überaus wichtig. „Jedes Kunstwerk ist ein Akt der Reflexion über die Welt da draußen. Ich glaube, dass jeder, der die Welt aufsaugt, nur gewinnen kann.“ Auch wenn Levit eher das Klavierspielen als sein Engagement aufgeben würde: Er gewinnt durch seine politische Positionierung auch als Künstler – nicht zuletzt als Beethoven-Interpret.