Lässt das Gleichmaß regieren: der Dirigent Rudolf Buchbinder.
Foto: Marco Borggreve

BerlinEinmal pro Saison darf man glauben, dass die Welt heil ist. Dann nämlich, wenn Rudolf Buchbinder mit der Dresdner Staatskapelle in der Philharmonie in Berlin zu Gast ist. Der 72-jährige Pianist kommt dann ohne Eile und etwas steifbeinig auf die Bühne – nur in dieser Hinsicht erinnert er an einen alten Cowboy –, den Kopf, bei Buchbinder durchaus ein Haupt, hält er unbewegt, womöglich, um die sorgsam gelegte Wilhelm-Kempff-Gedächtnis-Frisur keinen unnötigen Erschütterungen auszusetzen, mit dem Mund kaut er behaglich, als würde er den Bitterstoffen einer eben noch genossenen Tasse Kaffee nachschmecken.

So gerüstet geht es am Mittwochabend an die mittleren drei Klavierkonzerte Ludwig van Beethovens, der für Behaglichkeit in seinem Leben und Werk nicht eben bekannt ist. Der güldene Ton des Wiener Pianisten hat viel für sich, das unangestrengt Singende seines Spiels, auch die weichgänige Technik. Die langsamen Sätze werden damit zu Oasen unberührter Schönheit.

Ein perfekter Beethoven

Doch ist beim Hören der Weg nur kurz vom genießerischen Augenschließen hin zum Tiefschlaf. Sieht man einmal davon ab, wie lustvoll Buchbinder die verschobenen Betonungen exerziert, mit denen Beethoven den Schlusssätzen so gerne einen sportlichen Drive verleiht, so regiert bei ihm doch vor allem das Gleichmaß und die Gleichförmigkeit.

Die Dynamik bewegt sich nach altdeutscher Ästhetik im engsten Raum um ein gemütliches Mezzoforte, die Deutlichkeit von Artikulation und Phrasierung entspricht etwa jener des Sprechens nach einem Gläschen Wein.

Dass bei alldem schönste Übereinstimmung besteht mit der Staatskapelle aus der sächsischen Residenzstadt, soll man sich darüber freuen? Kein hässlicher Ton ist hier zu hören, Beethovens Schärfen treten als weiche Windstöße auf, die ins Orchester fahren wie zur Sommerszeit Fallwinde im Elbtal.

Heile Welt auf Tournee

Rudolf Buchbinders Vertrauen in das Traditionsensemble – sein Dirigieren hält sich meist im Ungefähren – zahlt sich nicht immer aus. Wo es schwierig wird, herrscht Vagheit an der Grenze zu verantwortungsloser Sorglosigkeit. Die heikle Artikulation zu Beginn des 4. Klavierkonzertes: ungeklärt; der federnde Beginn des 3. Konzertes: ohne Spannung. Gleich- und Ebenmäßigkeit mag bei Mozart ihren Reiz haben, bei Beethoven, dem Kinderschreck der Wiener Klassik, kommt man damit nicht weiter als zu einem Ästhetizismus, der die Klüfte und Brüche in seiner Musik verschwinden lässt.

Die Nachfrage nach einem solcher Art geschönten Beethoven scheint nicht gering zu sein. Gleichsam in Dauerschleife wird Buchbinder die Klavierkonzerte im kommenden Jubiläumsjahr in den großen Musikmetropolen spielen.

Der Hinweis, dass sich im Besitz des Pianisten „39 komplette Ausgaben“ der Beethoven-Sonaten befinden, wird dann, wie am Mittwochabend, wohl in keinem Programmheft fehlen. Als würde sich daraus eine besondere Expertise ableiten.