Berlin - Zum Glück ist die Ausstellung ganz konventionell chronologisch aufgebaut. Originell war Pasolini selbst genug. Das moralisch und philosophisch ziemlich herausfordernde Leben des italienischen Schriftstellers und Filmregisseurs, ist von einer Radikalität, die auch heute noch provoziert. Die Schau beginnt mit dem 28. Januar 1950, dem Tag, an dem der junge Lehrer Hals über Kopf zusammen mit seiner Mutter aus dem ländlichen Friaul nach Rom flieht.

Seine Homosexualität war aufgeflogen, als er auf einem Feld am Rande eines Dorffestes mit drei Jugendlichen herummachte. Er wird mit Schimpf und Schande aus dem Schuldienst entlassen und aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Am Ende der Ausstellung – etliche prall gefüllte Rauminstallationen und 25 Jahre seines Lebens weiter – ist das Bild seines Körpers zu sehen, erschlagen und überfahren auf einer Brache am Hafen von Ostia.

Noch immer ist der Fall nicht zu Ende ermittelt; unklar bleibt, ob der wegen der Tat verurteilte Strichjunge Pino Pelosi nicht in Wahrheit ein Auftragsmörder war, oder ob gar, wie etliche glauben, Pasolini den oder die Täter in selbstmörderischer Absicht provoziert hat.

Wie auch immer, die Tat passt zu ihm in grausamer Weise. Pasolini fühlte sich unwiderstehlich hingezogen zu den römischen Vorstädten, den Borgate, in denen zu seiner Zeit die Landflüchtigen aus den kargen Regionen des Südens lebten, Entwurzelte, die in Bruchbuden und Zeltstädten hausten. Kaum ein Reporter, schon gar kein Filmemacher traute sich dorthin. Pasolini aber findet in den Armenvierteln neben dem Elend, das er anprangert, und der Gewalt, die er fürchtet, eine Schönheit, die seine große politische und künstlerische Obsession wird. Eine Ausstellungstafel spricht etwas verblümt von der „freien und heidnischen Erotik der Straßenjungen von Rom“.

Im Roman „Ragazzi di Vita“ (Jungen des Lebens, 1955) setzt er ihnen ein literarisches Denkmal. Und mehr noch im Film: Unvergesslich das Gesicht des jungen Laiendarstellers Franco Citti als Zuhälter Accattone im gleichnamigen Debütfilm aus dem Jahr 1961. Ein ungeschliffenes Gesicht, das Zartheit und Trotz, Empfindsamkeit und Gewalttätigkeit gleichermaßen ausdrückt, ein Gesicht vor allem, das von weit her zu kommen scheint, von den Flügelaltären der Renaissance.

Pasolini war verrückt nach Gesichtern, die Züge vorindustrieller Epochen trugen, Gesichtern, die sogar aus der Antike herzukommen scheinen wie das der Maria Callas, die er als Hauptfigur für „Medea“ (1969) gewann. Die Physiognomien der Jünger in seiner Verfilmung des Matthäus-Evangeliums sind Denkmäler einer untergegangenen bäuerlichen Welt.

Noch Marilyn Monroes Schönheit sah Pasolini „hervorgegangen aus der Antike“, ausgebeutet und zunichte gemacht in der Gegenwart. Er besang ihre Tragödie in einem Gedicht, das in der Ausstellung hängt in angemessen riesigen Lettern, gleich neben Filmausschnitten aus der Passion des Zuhälters Accattone: „Du kleine Schwester, / trugst diese Schönheit demütig am Leib, / und Deiner Seele, Seele einer Tochter kleiner Leute / war nie bewusst, sie zu besitzen, /wäre es doch andernfalls auch keine Schönheit gewesen.“

Unbequemer Denker

Die naiven Volkskulturen sieht Pasolini durch die ökonomische Zerstörung des ländlichen Raumes bedroht, aber mehr noch durch etwas, das er Konsumismus nennt, für ihn der Fluch der Gegenwart. Pasolini hasst das Elend seines geliebten Subproletariats, aber mehr noch fürchtet er seinen ökonomischen Aufstieg. Zumindest jenen Aufstieg, der alle regionalen bäuerlichen Traditionen vernichtet und deren anmutige Einfachheit ersetzt durch eine billige Simulation von Besitz. Am meisten hasst er das Propagandainstrument des Konsumismus, das Fernsehen, das die Menschen kulturell verelende, sie zum Schweigen bringe, und jeden, der dort auftrete zu Clowns degeneriere. Eine Zukunftsvision übrigens, die im Berlusconi-Italien traurige Wirklichkeit geworden ist.

Die Liebe zum einfachsten Volk macht den Linken Pasolini zu einem höchst unbequemen Denker, gerade für die Genossen. Mal plädiert er mit der katholischen Kirche für den Fortbestand des Abtreibungsverbots, mal beschimpft er in einem polemischen Gedicht die rebellischen 68er Studenten, die sich stolz mit Polizisten prügelten.

In den Studenten erkannte er die „Vatersöhnchen“, die künftige Elite von morgen, die sich über die schlecht bezahlten Kinder armer Leute in billigen Uniformen hermache: „Die Journalisten aus aller Welt lecken euch den Arsch. Ich nicht, Freunde. Ihr habt Gesichter von Vatersöhnchen. Die rechte Art schlägt immer durch.

Ihr habt denselben bösen Blick. Ihr seid furchtsam, unsicher, verzweifelt, aber ihr wisst auch, wie man arrogant, erpresserisch und sicher ist: kleinbürgerliche Vorrechte, Freunde. Als ihr euch gestern in der Valle Giulia geprügelt habt mit den Polizisten, hielt ich es mit den Polizisten. Weil sie Söhne vor armen Leuten sind.“

Herausforderndes, hungriges Antlitz

Das Gedicht, erschienen im Wochenmagazin L’Espresso, wurde zum wohl meistdiskutierten in der Geschichte Italiens. Pasolini war ein rückhaltlos ehrlicher, radikaler Intellektueller, der das direkte Gespräch mit dem Volk suchte. Für seinen Dokumentarfilm „Gastmahl der Liebe“ befragte er 1964 seine Landsleute zu Themen moderner Sexualität. Er sprach mit Jugendlichen am Strand, mit Soldaten in einer Kaserne, mit Besuchern eines Tanzlokals, mit Fabrikarbeiterinnen. In der Ausstellung werden Ausschnitte aus dem Film auf die Frontscheibe eines alten Fiat 1100 projiziert. Das Auto soll klar machen, dass Pasolini weite Wege nicht scheute.

Um Ideen ist die Schau, die zuvor in Barcelona, Rom und Paris zu sehen war, nicht verlegen. Sie zeigt, wo er wohnte (vom Armenviertel bis zum Haus mit Blick aufs Meer), konfrontiert die Orte von einst mit ihrem Zustand heute. Filmausschnitte, Briefdokumente, TV-Dokumentationen, ein paar Gemälde und Zeichnungen des Künstlers wechseln sich ab.

Eine gelungene grafische Gestaltung fasst das überbordende Material zusammen. Immer wieder sticht daraus hervor das vielleicht markanteste Gesicht von allen: Pasolini selbst, herausfordernd, hager, hungrig. Er lieh es kurz seinen eigenen Filmen, wo es bestens hineinpasste, trat aber auch gelegentlich woanders auf. Etwa im Italowestern „Mögen sie in Frieden ruhen“. Dort erschien er als Priester. Und als Revolutionär natürlich.