Die Revolte in der Ukraine war genau die Art von Nachrichtenereignis, bei dem der Kabelsender CNN traditionell brilliert: Ein brisantes Geschehen von weltpolitischer Tragweite, das sich rasch und dramatisch entwickelt. Mit solchen Vorkommnissen hatte sich CNN einen Namen gemacht – gleich, ob es der 11. September, der Golfkrieg, Hurrikan „Katrina“ oder das Erdbeben von Haiti waren.

Doch diesmal erlebte CNN ein Quotendesaster, während sich in Kiew die Dinge überschlugen. Am 18. Februar schauten zur besten Sendezeit um 21 Uhr gerade einmal 25.000 Amerikaner CNN – die zweitniedrigste Quote in der Geschichte des Senders. Der Senderchef Jeffrey Zucker zögerte nicht lange und zog die Konsequenzen. An diesem Montag berichtete die New York Times, dass der Moderator der 21-Uhr-Sendung Piers Morgan ab März seinen Hut nehmen muss.

Der Rauswurf war allerdings nur die neueste Bewegung im Personalkarussell von CNN, das einfach nicht zum Stillstand kommen mag. Seit Jahren schon versucht der Sender, die Vormachtstellung unter den Nachrichtenkanälen zurückzuerobern, die er nach der Präsidentschaftswahl von 2008 an die stark nach rechts tendierende Station Fox hat abgeben müssen. Formate werden geändert, Köpfe ausgetauscht, doch nichts scheint zu nützen.

Dabei war die Entscheidung für Piers Morgan besonders unglücklich. Das US-amerikanische Publikum wurde nie mit dem Briten warm, der von der Boulevardpresse kam und vorher für den britischen Sender ITV Prominente interviewt hatte. Morgan erreichte von Anfang an nicht die Quoten seines Vorgängers Larry King, der in den Ruhestand gegangen war. Der Sendeplatz um 21 Uhr ging zunehmend an die Konkurrenz MSNBC verloren.

Kritisiert Waffenvernarrtheit in den USA

Bevor Morgan aus England kam, hatte sich CNN im Krieg der Kabelkanäle als Fels in der Brandung positioniert. Während MSNBC und Fox immer unverhohlener Parteipolitik machten, versuchte CNN ausgewogen und neutral zu bleiben. Die Linie bekam CNN nicht gut, die Quoten rutschten immer stärker ab.

Das Anheuern von Morgan war dann ein Zugeständnis an die veränderte Landschaft. Morgan war schärfer und parteiischer als seine Vorgänger. Insbesondere in der Debatte um härtere Waffengesetze in der Folge des Schulmassakers von Sandy Hook lehnte er sich weit aus dem Fenster und kritisierte scharf die Waffenvernarrtheit in den USA.

Das kam bei den Zuschauern nicht gut an, nicht einmal bei denen, die ihm in der Sache zustimmten. Man wollte sich in den USA nicht von einem Engländer mit starkem Cockney-Akzent über die Zustände im eigenen Land belehren lassen. „Er hat sich aufgeführt wie König Georg III.“, schrieb David Carr in der New York Times, „der seine Nase über die ungehorsamen Kolonien rümpft und sich überlegt, wie man die Barbaren hier wohl zivilisieren kann.“

Diese Attitüde legte Morgan bei seinem Versuch, dem Nachrichtenprogramm von CNN mehr Kraft zu verleihen, auch an den Tag, wenn es nicht um Schusswaffen ging. Er lud Gäste mit der entgegengesetzten politischen Meinung ein und benutzte sie als reine Pappkameraden. Immer wieder unterbrach er sie, um seine eigenen Ansichten zu verbreiten und sie zum Teil sogar als „Idioten“ zu beschimpfen. Und so hatte Morgan praktisch keine Fans in den USA. Die Probleme von CNN sind dadurch jedoch nur noch größer geworden. Mehr denn je hat die einstige Nachrichtenstation Nummer eins die Orientierung verloren.