Der Titel „Einer wird gewinnen“ ist für eine Spielshow eigentlich eine Banalität. Aber eine Fernsehsendung auf die Kurzform EWG zu bringen, war 1964 ungefähr so bizarr, als würde man heute eine Talkshow auf den Namen ESM (für „Einer spricht mit“ statt für Europäischer Stabilitätsmechanismus) taufen oder ein Wandermagazin mit dem Titel „ISAF-Mission“ (eigentlich: International Security Assistance Force) herausbringen.

Gerade mal sechs Jahre war es zur Premiere von EWG her, dass die Europäische Währungsgemeinschaft (kurz EWG) in Kraft getreten war. Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg und die Niederlande hatten damit den Grundstein für eine gemeinsame Wirtschaftszone gelegt. Vor den Römischen Verträgen regelte ein Abkommen die Kontrolle der nationalen Stahl- und Kohleindustrien. Kein Nachbarland, so die Ursprungsidee der EU, sollte mehr von den anderen unbemerkt Waffen schmieden und Truppen mobil machen können. Das Ende des Zweiten Weltkriegs war in den Köpfen der Menschen noch so gegenwärtig wie heute die Teilung Deutschlands.

8000 DM Preisgeld

Das EWG von Hans-Joachim Kulenkampff hatte in ein Europa der Schlagbäume gesendet. Es gab nationale Grenzen, nationale Währungen und nicht wenige nationale Vorurteile. In diese Gefühlslage hinein platzierte der Hessische Rundfunk eine harmlose Abendunterhaltung, in der die Deutschen ihre ehemaligen Erzfeinde zu einem heiteren Fernsehquiz einluden. Der Fragenkatalog, den die acht Kandidaten aus acht Ländern auf Deutsch beantworteten mussten, erforderte ein breites Allgemeinwissen. Der Klügste konnte mit ein bisschen Spielglück die beachtliche Gewinnsumme von 8000 DM erspielen.

Zum Vergleich: 1964 lag ein durchschnittlicher Monatsverdienst bei 870 Euro, ein Liter Benzin kostete 57 Pfennige, eine Maß Bier auf dem Münchner Oktoberfest 2,20 DM. Niemand dachte 1964 darüber nach, dass die Geldgewinne von EWG von der GEZ-Gebühr bezahlt wurden. Eher schon waren alle verblüfft, dass die Ausländer alle fließend deutsch sprachen. Wo es mit dem Verständnis dennoch haperte, konnte der weltläufige Moderator Kulenkampff in der Regel souverän aushelfen, was ihm vor den Bildschirmen erhebliche Bewunderung einbrachte.

Das „internationale Quiz“ (so der Untertitel von EWG) war vor fünfzig Jahren so provokativ wie heute vielleicht die Dschungelshow. Schon als der HR nach einer zehnjährigen Pause EWG 1979 wieder auflegte, war die Spielidee aus ihrem gesellschaftlichen Kontext herausgefallen. Wenn Jörg Pilawa nun an diesem Wochenende acht zudem jetzt wie üblich prominente Kandidaten ein Mal zu einem Revival ins Studio holt, hat die Spielshow ihren Zeitbezug komplett verloren. Übrig bleibt die Banalität eines Ratespiels: „Einer wird gewinnen“. Wer hätte das gedacht?

Ein Luftsprung. Nicht mehr

Nun spielen also die Schauspieler Ornella Muti, Hans Sigl und Francis Fulton-Smith, die Sänger Rolando Villazón und Björg David, das Modell Lilly Becker und der Politiker Jean Asselborn um 50.000 Euro für einen guten Zweck. Selbst, wer beim Lesen dieser Namen nicht sofort Gesichter oder gar Ländernamen vor Augen hat, wird die Promis sofort wiedererkennen.

Doch letztlich zeugt diese ARD-Reprise vor allem von einer großen Ratlosigkeit des öffentlich-rechtlichen Systems. Die Frage, mit welcher Unterhaltungsshow das TV-Lagerfreuer noch zu entfachen ist, wenn es schon bei „Wetten, dass..?“ nur noch müde glimmt, ist so jedenfalls nicht zu beantworten. Es gibt nun vor allem für die Spieleentwickler ungeschriebene Grenzen: Große Geldgewinne verbieten sich in Zeiten einer harten Debatte über den Beitragsservice. Reality-Unterhaltung wie „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ widerspricht dem Bildungsauftrag, Politainment wie weiland bei „Wünsch dir was“ traut sich niemand.

Sicher, die leichte Unterhaltung ist das Schwerste überhaupt. Aber auf dem Weg in eine Gemeinsinn stiftende öffentlich-rechtliche Unterhaltungszukunft ist die Erinnerungsshow EWG doch eher ein einfallsloser Rück- als ein noch so kleiner Fortschritt. Denn es liegt auf der Hand, dass sich vor allem die Senioren mit dem Traditionslabel locken werden. Es sind jene Jahrgänge, die 1971 bei dem Namen Rosenthal noch unwillkürlich an die deutsche Schuld dachten und dem Holocaust-Überlebenden und „Dalli, Dalli“-Moderator seinerzeit insgeheim unendlich dankbar waren, dass er wie zur Versöhnung den Deutschen nun die harmloseste aller möglichen Unterhaltungsshows anbot. Heute springt Kai Pflaume für die ARD in die Luft, und es ist nicht mehr als das: ein Luftsprung.

EWG – Einer wird gewinnen, 01. März 2014, 20.15 Uhr, ARD