Die tragödienernste Mamma Medea (Elmira Bahrami im Hintergrund) inmitten schriller Girliegaukelei.
Foto Thomas Aurin

Berlin - Zu den Erfolgsrezepten der 33-jährigen und von Zürich über Köln bis Berlin schon viel gefragten Regisseurin Pinar Karabulut gehört ihre Unerschrockenheit, jeden Theatertext ganz zu ihrem zu machen. Nicht im egomanen Besitzdenken, sondern in dem Sinn, ihn für ein neugieriges, emanzipiertes, diverses auch multistylisches Lebensgefühl ihrer Generation durchsichtig zu machen. Veraltete Rollenmuster, das bekundet Karabulut oft, will sie nicht mehr sehen, auch nicht, wenn ein Shakespeare sie schrieb, weshalb das Umschreiben meist zu den ersten Handlungen ihrer Inszenierungen gehört.

An diese schöne Entschiedenheit der mit vielen Nachwuchspreisen bereits geehrten Mönchengladbacherin denkt man im Dritten Stock der Volksbühne nun mit Wehmut. Denn wo ist das zupackend Heutige, Emanzipierte geblieben, mit dem sie den mythischen Hardcore-Stoff der Kindsmörderin Medea dort auf die Bühne bringt? Im Grunde ist Medea an sich schon ein Emanzipationsstoff ersten Ranges und Karabulut nimmt sich auch nicht etwa Euripides’ Drama oder sonst eine antike Fassung vor, sondern eine der modernsten Varianten überhaupt: Tom Lanoyes „Mamma Medea“ von 2001, worin sich die zwei Kulturen Kolchis und Korinth fremdenfeindlich gegenüber stehen und die aus der Not geborene Union ihrer beiden Vertreter Jason und Medea bald in eine veritable Ehehölle à la Edward Albee mündet. Doch wie konnte all diese Gegenwart darin nun so einfach verschwinden?

Die verlorene Mitte 

Zuerst einmal dadurch, dass Karabulut Lanoyes Text, anders als sonst, wie eine heilige Kuh behandelt und nicht mal die langen monologischen Botenberichte über Jasons fantastische Kampfproben oder den Giftkleid-Tod ihrer Rivalin Kreusa durch kühne Streichungen den Möglichkeiten ihrer jungen Schauspielerinnen und Schauspieler anpasst. Zum anderen passiert durch die immer hochtourig auf Messers Schneide balancierende Stimmung zwischen größtem Tragödienernst und banalster Girliegaukelei, dass die diskursive Mitte dieses Textes keinen Wirkungsraum findet. Denn diese Mitte können weder der dauerhohe Ton, noch die tiefschwarzen Blicke Medeas (Elmira Bahrami) einfangen. Und auch die eher albernen Nebenrollen-Karikaturen von Vater Aietes bis Tante Kirke führen eher heraus aus dieser Mitte.

Denn die besteht in der Minimalbewegung des schieren Pragmatismus, in den kleinen, kompromisslerischen Alltagslügen, die Jason (Malick Bauer) und Medea Stück für Stück in den Abgrund ziehen. Dieses höllisch Kleine ist das perfide Zentrum in Lanoyes Text, das mehr Feingefühl braucht, statt wilden Stilmix. Der Mix aber macht diesen Abend aus, der in einer weißen Box mit archaisch-antiken Architekturresten und Pappfelsen im zeithistorischen Cyberspace zu Hause ist, wo sich ein verpeiltes Avatare-Personal um die zwei einsamen Menschen Medea und Jason gruppiert. Zu viele Fäden sollen hier zusammenfinden und verlieren sich stattdessen.

Mamma Medea, 29.2., 19 Uhr, 17., 21., 30., 31. 3., 20 Uhr, Volksbühne (3. Stock), Karten unter Tel: 24065777 oder: volksbuehne.berlin