Berlin - Lia Rodrigues kommt zu spät. Seit morgens ist sie unterwegs, sie hat nur schnell ihren Koffer ins Zimmer gebracht. Dann sitzt sie in der Lounge ihres Hotels, freundlich und konzentriert. Das feine, von dunklen Locken umrahmte Gesicht ist leicht überschattet von Müdigkeit. Berlin ist die letzte Station einer langen Tour. „Pindorama“ heißt das Stück, dass Rodrigues im HAU zeigen wird. Pindorama, so nannten die Tupi-Indianer Brasilien, bevor die Portugiesen kamen und das Land annektierten.

Übersetzt heißt Pindorama soviel wie Land der Bäume, aber bei Rodrigues ist daraus ein Stück über das Wasser geworden. Ein hartes, existenzialistisches Stück, dem der Ruf voraus eilt, zu den besten Arbeiten der Choreografin zu zählen. Eine Kunstinstallation, reduziert und sparsam, mit einer Plastikplane als Wasserlauf und einigen mit Wasser gefüllten Ballons, zwischen denen die Körper der Tänzer wie etwas Fremdes wirken, wie Fische auf dem Trockenen, die um ihr Überleben kämpfen.

Zeugin des Veränderungsprozess

Lia Rodrigues, 58 Jahre alt, ist eine der bekanntesten Choreografinnen Brasiliens. Vor zehn Jahren ist sie mit ihrer Compagnie in die Favela Maré umgezogen, mit 135.000 Einwohnern einer der größten und ärmsten Slums von Rio de Janeiro. Damals war Luiz Inácio Lula da Silva Präsident, er hatte alle, auch die Künstler, zu mehr sozialer Verantwortung aufgerufen, und Lia Rodrigues hatte das ernst genommen. Als die Choregrafin vor acht Jahren zum letzten Mal in Berlin gastierte, begegnete man einem niedergedrückten Menschen mit dunklen Ringen unter den Augen. +

Sie habe sich mit ihrem Umzug in die Favela übernommen, hieß es damals in der Szene. Lia Rodrigues − aus einer Mittelstandsfamilie stammend, selbst Mutter von drei Kindern, ein Liebling auch des europäischen zeitgenössischen Tanzbetriebs, enorm erfolgreich, seit sie mit 18 Jahren mit ihrer künstlerischen Arbeit begann − schien den sozialen Härten ihrer neuen Umgebung nicht recht gewachsen. Auch als Künstlerin schien sie ziemlich ausgeblutet zu sein.

Jetzt sitzt einem eine feine, leuchtende Person gegenüber, die deutlich macht, wie glücklich sie inzwischen über ihre Entscheidung ist: „Ich bin Zeugin und auch Teil eines aufregenden Veränderungsprozesses. Eines Prozesses, der auch mich selbst verändert und in dem ich viel gelernt habe.“

Zum Beispiel, dass man vorsichtig sein soll mit all zu vereinfachenden Statements. Kritik an der Ausrichtung der Fußball-Weltmeisterschaft in ihrem Heimatland, an der Verschwendung von Geldern an falscher Stelle, an dem Bau von luxuriösen und überflüssigen Stadien, während die Armen nicht profitieren? „So einfach ist das nicht“, sagt Rodrigues immerhin. In Rio zu leben, soviel stehe fest, habe zur Zeit etwas Surreales. Die Preise explodieren − für Wohnungen ebenso wie für Essen. Die Stimmung vibriert, aber eben auch vor Vorfreude. Ob nicht auch jene zumindest zu einem Teil profitieren, die vor allem in den deutschen Medien als leer ausgehende Opfer beschrieben werden, da ist sich die Choreografin gar nicht so sicher.

Einfach und konkret

Seit sie in die Favela gezogen ist, wird Rodrigues bei ihren Tourneen regelmäßig zur jeweils aktuellen politischen Lage Brasiliens befragt. „Dabei kann ich auch nur meine persönliche Meinung kund tun“, sagt sie seufzend. „Was ich selbst mache, ist etwas sehr Einfaches und Konkretes.“ Ihre Residenz in Maré hat Rodrigues gemeinsam mit der Nichtregierungsorganisation Redses aufgebaut, die ihr erst überhaupt den Mut zu diesem Schritt gab. Redses war damals eine Gründung junger Universitätsabsolventen, die selbst in Maré groß geworden waren und in die Favela zurückkehren wollten, um den Kindern und Jugendlichen dort bessere Schulabschlüsse zu ermöglichen.

Inzwischen ist die gemeinsame Arbeit weit voran geschritten. Redses und Lia Rodrigues’ Companhia de Danças haben vor fünf Jahren einen neuen Ort, ein leer stehendes Warenhaus zum Centro de Arts da Maré umgebaut. Es gibt dort Theater-, Tanz- und Musikaufführungen, kostenlose Tanzklassen für Kinder und Erwachsene, Nachhilfe- und Schulungsangebote und es ist ein Versammlungsort für die Bewohner der Favela.

Zeitgenössische Kunst, sagt Rodrigues, eröffnet die Möglichkeit, an der Gesellschaft teilzuhaben. Ihre Tanzklassen, die von Kindern ebenso wie von 70-jährigen Senioren besucht werden, sind kostenlos. Finanziert werden sie von Sponsoren und den Einnahmen von Lia Rodrigues Companhia de Danças. Wenn das Geld ausgeht, so Rodrigues, müssten sie selbst das Putzen und andere Aufgaben übernehmen.

Einmal die Woche gibt es eine von den Einwohnern organisierte Versammlung, in der beraten wird, wie die Einwohner selbst sich ein besseres Maré vorstellen. Sie habe in den vergangenen Jahren viel darüber gelernt, wie man zusammen arbeiten und doch so unterschiedlich sein könne in allem, auch dem, was man vom Leben erwarte, sagt Rodrigues. Vor ihrem Umzug in die Favela, als sie sich in einer Phase des Leerlaufs befand und alles erreicht zu haben schien – die Gründerin und Leiterin eines enorm erfolgreichen Festivals war sie auch − hatte sich Rodrigues gefragt, was sie als Künstlerin wirklich wolle. Sie wirkt so, als habe sie für sich eine Antwort gefunden.

Pindorama. 4.,5. Juni 2014, 20.30 Uhr im HAU2, Tel.: 259-00-427