Pink Floyd: Nick Mason präsentierte in Rostock das Frühwerk der Band

In 50 Jahren Pink Floyd hat mich mein manchmal etwas komplizierter Freund Roger Waters niemals den Gong spielen lassen“, erzählt Schlagzeuger Nick Mason den Fans in Rostock, macht eine kleine Kunstpause und fährt mit Genießer-Miene fort: „Heute ist das anders. Tonight is my night.“ Sagt’s, erhebt sich zwischen seinen Trommeln und klöppelt auf dem riesigen Paiste-Gong das Intro zu „Set The Controls for the Heart of the Sun“, einem Song, dem man sofort sein Entstehungsjahr 1968 anhört. Verwehter Gesang, fernöstlich angehauchter Keyboard-Klingklang – das Stück mutet heute an wie der Soundtrack zu einem Flug an die äußersten Ränder der Galaxis.

Erst im Mai dieses Jahres hat Mason sein Debüt als Bandleader gegeben, mit 73. Die vier Clubshows von A Saucerful of Secrets (benannt nach dem zweiten Studioalbum von Pink Floyd) in London kamen so gut an, dass die Band jetzt eine ausgedehnte Europatournee dranhängt. Das Moya in Rostock, ein Kulturzentrum mit Schulaula-Charme, ist eine der kleinsten Spielstätten auf der Reise.

Bis zu „Obscured by Clouds“

Nick Mason und seine vier Musiker (darunter der langjährige Floyd-Tourbassist Guy Pratt und Gary Kemp von Spandau Ballett als Gitarrist und Sänger) beschränken sich auf das Repertoire der frühen Floyd, es endet auf der Zeitachse mit „Obscured by Clouds“, veröffentlicht ein Jahr vor „Dark Side of the Moon“. Die Erklärung ist ganz einfach: Er sehe keinen Sinn darin, „Money“ oder „Comfortably Numb“ zu spielen, sagte Mason dieser Zeitung, denn das bekämen die Fans ja überall geboten, „bei Roger, David und bei der Australian Pink Floyd Show“. 

Stattdessen gibt es gleich zu Beginn jene zwei Songs zu hören, die Floyd in den Jahren 1966/67 zu Helden der Londoner Underground-Szene aufsteigen ließen, „Interstellar Overdrive“ und „Astronomy Domine“, dessen wüstes Gitarrenriff jahrelang den ARD-„Brennpunkt“ eröffnete. Das war der Sound der Pink Floyd, die Syd Barrett nach seinen Vorstellungen geformt hatte. Dazu werden Filme projiziert, die der damaligen psychedelischen Lightshow aus dem UFO oder dem Roundhouse nachempfunden sind, mit zerfließenden Farben zwischen Glasscheiben.

Doch zugleich waren die frühen Pink Floyd nicht frei von den Zwängen der Musikindustrie – und so gab es die Band im Grunde in zwei Ausführungen, im Langspielplatten- und im Drei-Minuten-Format. Syd Barrett, das beweist der Abend in Rostock, beherrschte beides, als er noch bei Sinnen war. Es ist erstaunlich, wie wenig der Zahn der Zeit an den Single-Hits von 1967, „Arnold Layne“ (über den Unterwäsche-Fetischisten) und „See Emily Play“ (von Gary Kemp charmant verstolpert) genagt hat – und wie fröhlich Pink Floyd zum Teil klangen. 

Arbeit an der Perfektion

Die Raritäten-Sammler im Saal freuen sich über „Vegetable Man“, von Pink Floyd für das zweite Album vorgesehen, aber niemals fertig geworden. Den Höhepunkt des Abends markiert aber die Roger-Waters-Ballade „If“, die von der Band mit Auszügen aus dem sinfonischen XXL-Stück „Atom Heart Mother“ versetzt wird. Diese Stücke aus dem Jahr 1970 zeigen, dass der spätere Welterfolg „Dark Side“ keineswegs vom Himmel gefallen ist, sondern über Jahre und auf Hunderten Konzerten entwickelt und perfektioniert wurde. 

Im Gegensatz zum distanzierten Perfektionismus der Pink-Floyd-Shows nach 1987 (von Roger Waters’ zunehmend politisierten Bühnenspektakeln ganz zu schweigen) wirkt die Performance von Masons Band 90 Minuten lang warmherzig und den Menschen im Saal zugewandt. Kerzengerade sitzt der 73-Jährige am Schlagzeug, doch immer wieder feuern er und Guy Pratt sich mit kleinen Gesten an und versprühen jenen Spaß, der der berühmten Band in den Fußballstadien irgendwann abhandenkam.

Konzert in Berlin: Tempodrom, 16. September