Mailand-Egal, ob für die Alltagstauglichkeit oder die Utopie einer neuen, egalitären Gesellschaft – es gibt fast nichts, was Enzo Mari nicht ausprobiert hat. Schon seit den 50er-Jahren interessierte sich der aus dem norditalienischen Novara stammende Student für Literatur und Kunstgeschichte für die visuelle Wahrnehmung und die Methodologie des Designs, die Rolle von Objektgestaltung im Alltag und die Funktion des Designers für die Gesellschaft. Dabei waren dem Künstler, der sich als Kommunist begriff, die sozialen Aspekte wichtig. Bei seinen Form-Erforschungen und -Experimenten hinterfragte und kritisierte er die gängigen kapitalistischen Konsum-, Produktions- und Distributionsmechanismen der Designwelt.

Mari, bis in die 80er-Jahre eingeladen auf die Biennalen von Venedig und zur Documenta in Kassel, wurde in den Siebzigern zum Pionier der heute boomenden Do-It-Yourself-Bewegung, mit sichtbaren, auch radikalen Mitteln. Er begriff das Form-Gestalten als erzieherische – ja, weltverbessernde – Komponente für die Umwelt, bevorzugte das Simple, wodurch sich das Komplexe erklären und gestalten ließ und suchte Lösungen. Er baute etwa perspektivische Räume aus Fliesen, entwarf Busse als mobile Über Land-Bibliotheken. Und machte Untersuchungen zu Fügungen, Kopplungen und Scharnieren. Typisch ist etwa sein Systemregal Glifo (1966-67) aus weißen Kunststoffplatten, die über eine Zahnleiste ohne weiteres zusammengesteckt werden können.

In seiner Serie „Proposta per un’autoprogettazione" (1974) entwarf er 19 Varianten einfachster, preiswerter Möbel zum Selberbauen, was eine Steigerung der schwedischen Ikea-Idee bedeutete. Denn da wurde ja nichts Vorgefertigtes angeboten: Über einen rückfrankierten Briefumschlag erhielten „Kunden“ über Maris Büro kostenlos eine einseitige Bauanleitung – bestehend aus einer Materialliste und Zeichnungen.

Einfache Holzbretter ließen sich mit einem Hammer und ein paar Nägeln rasch zusammenbauen. Mari entwarf diese Anleitungen in Werkphasen, die selbst wiederum aufeinander aufbauen, einander bedingen, sich überlagern. Das strukturelle Anordnen gilt als Maris eigenes universitäres Gerüst. Als eine Art Grundlehre, wie man sie auch bei dem letztes Jahr verstorbenen, aus Berlin stammenden Designer Luigi Colani mit seinen harmonisierenden Kugelformen findet.

Nun kam die Nachricht vom Tod des Mailänders Enzo Mari. Er erlag einer Infektion mit dem Corona-Virus, an dem wenige Stunden später auch seine 82-jährige Frau, die renommierte Kunstkritikerin und Autorin Lea Vergine starb. Kurz zuvor wurde auf der Mailänder Triennale (bis 18. April 2021) eine Enzo-Mari-Retrospektive eröffnet, kuratiert von Hans Ulrich Obrist. Das Kunstereignis wird nun zum Vermächtnis dieses Nonkonformisten und seiner lebenslangen Suche nach einer Kunst für eine bessere Welt – im sozialpolitischen wie im formgestalterischen Sinne.