Während die Öffentlichkeit noch angestrengt darüber rätselt, wer die Piraten sind, wofür sie stehen und wohin sie wollen, haben sie selbst des Rätsels Lösung längst gegeben.

Es präsentiert sich eine junge, aufstrebende Partei, die nur deshalb „Partei“ zu nennen naheliegt, weil sie die traditionellen parteipolitischen Mittel und Wege nutzt, um öffentliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. In Wahrheit sind die Piraten keine politische Partei, die in Konkurrenz zu den etablierten Parteien – CDU/CSU, SPD, FDP, Grünen und Linken – tritt, sondern ein Generationenphänomen, das sich nur aus einer grundlegenden gesellschaftlichen Veränderung erklären lässt. Die digitale Revolution, die sich seit fünfzehn, zwanzig Jahren immer rasanter beschleunigt und die allgemeinen Lebensverhältnisse umkrempelt, hat einen neuen sozialen Phänotypus, ja, man kann sagen: einen neuen Hominiden hervorgebracht, der jetzt, in Gestalt der Piraten, seine Rechte in der „Informationsgesellschaft“ einfordert.

Kein Zögern und Zaudern

In den technophilen Netzwerkern, die mit den intelligenten Maschinen und deren juvenilen Schöpfern erwachsen geworden sind, begegnet uns ein Menschenschlag, der zwar von Basisdemokratie und erweiterter politischer Teilhabe spricht, tatsächlich aber etwas ganz anderes meint – die Anerkennung der Tatsache, dass den Anwendern, Nutzern und Nutznießern der noch jungen Produktivkraft Internet ein zentraler Platz, der zentrale Platz in der Gesellschaft zusteht. Marxistisch gesprochen, stehen die Piraten für eine Veränderung der Produktionsverhältnisse zugunsten jener Produktivkraft, die deren Grenzen erkennbar zu sprengen sich anschickt.

Deshalb kann man die Piraten als Speerspitze einer neuen, revolutionären Bourgeoisie bezeichnen, die tut, was offenbar an der Zeit ist. Historisch war die Bourgeoisie – nirgendwo ist es emphatischer beschrieben worden als im „Kommunistischen Manifest“ – zu ihren besten Zeiten stets die Wegbereiterin sowohl des technisch Neuen als auch der verschärften Kapitalakkumulation. Genau diese doppelte Funktion erfüllen die Piraten. Ihre meist eher jungen Mitglieder und Anhänger sind, wenn der Anschein nicht täuscht, in der Regel gut ausgebildet, mit erheblichem Wissenskapital ausgestattet, offen für alles technisch Neue und Machbare, und sie orientieren sich an den gesellschaftlichen Schnittstellen von Kapital (Verwertungsinteressen) und Digitalität, an denen ökonomisch, sozial und sozialmoralisch über die Zukunft der Gesellschaft entschieden wird. Insofern sind die Piraten kapitalistische Avantgarde. Wahrscheinlich begreifen Konzernlenker und Arbeitgeber das schneller als Angela Merkel und Sigmar Gabriel, die so tun, als müssten sie sich einer unliebsamen politischen Konkurrenz erwehren.