Die große weiße Hülle sprach Bände – über Können und Dürfen in der zeitgenössischen Kunst. Dies mehr als 100 Jahre nach Duchamps Readymade-Geste und fast 80 Jahre nach Walter Benjamins folgenreichem Aufsatz zur Kunst im Zeitalter schier unerschöpflicher Reproduktionsmöglichkeiten.

Seit März 2013 nämlich musste die schwarz-weiße Wandarbeit „Uhrenobjekt“ des Frankfurter Malers und Bildhauers Tobias Rehberger blickdicht verdeckt werden. Nur neun Tage lang waren seine in der Mitte optisch irritierend verfließenden Karos über dem Eingang zum großen Lesesaal zu sehen. Den Mitarbeitern der Staatsbibliothek Unter den Linden blieb damals nichts anderes übrig.

Eine gerichtliche Verfügung zwang die Institution dazu; der Hausmeister musste ran und mit Helfern das Objekt eines erbitterten Rechtsstreits verdecken. Da half auch nicht, dass es ein von einer Fachjury ausgewähltes Auftragswerk des Bundesamtes für Bau- und Raumordnung – für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz – war und das Geld für das Kunstwerk aus der öffentlichen Hand kam.

Plagiatsvorwurf? Starker Tobak für einen Kunst-Professor!

Geklagt hatte die weltbekannte britische Op-Art-Künstlerin Bridget Riley. Die 82-jährige Praemium-Imperiale-Preisträgerin hatte dem 47-jährigen Goldener-Löwe-Preisträger der Biennale Venedig 2009, Tobias Rehberger, vorgeworfen, seine Installation sei eine unzulässige Bearbeitung ihrer Arbeit „Movement of Squares“ aus dem Jahr 1961. Ein Plagiat somit – und das ist starker Tobak für einen Professor der Frankfurter Städelschule, der seinen Studenten Vorbild zu sein hat. Es ist auch ein böser Anwurf gegen einen Star – selbst im Kunstbetrieb, wo doch alles erlaubt scheint und die Zitate, Paraphrasen und Persiflagen der Künstler untereinander und übereinander doch oft das Salz an der Kunstsuppe sind.

Mit der demonstrativ-juristischen Hülle über Rehbergers „Karo-Frage“, um die unliebsame Sache mal ironisch zu betiteln, wurde die Arbeit aber erst so richtig interessant: Die unsichtbare Wandarbeit glich fast einem festlich verhüllten Altar. Nun aber haben sich die streitenden Parteien am Mittwoch vor dem Berliner Kammergericht geeinigt. Dies gewiss auch zur moralischen Entlastung zweier wichtiger Berliner Galerien: Max Hetzler, der seit Jahren Bridget Riley vertritt, und Neugerriemschneider, der Berliner Vertretung von Tobias Rehberger.

Die Berliner Staatsbibliothek darf nun also endlich die leidige Hülle entfernen. Allerdings gibt es eine gerichtliche Auflage, die Rehberger womöglich als leicht bittere Pille im kreativen Eigenanspruch aufs Bildwerk schlucken muss: Die Wandarbeit muss fortan mit dem Zusatz „Uhrenobjekt nach Movement in Squares von Bridget Riley“ versehen werden. Das ist ein kleiner Trumpf für die Londoner Altmeisterin, die sich in ihrem Urheberrecht verletzt sah, gegen den viel jüngeren deutschen Künstler, der sich erlaubt hatte, eine Formensprache zu nutzen, in der sich Riley in der Tat seit Jahrzehnten ausdrückt.

Dürfen andere Op-Artisten aus dem Grabe klagen?

Allerdings: Die Maße bei Rehberger, auch die Streifenunterteilung, sind deutlich anders. Und überhaupt: Dürften, mit Blick auf Rileys Original und Rehbergers Variante, nicht auch noch andere Op-Artisten gar aus dem Grabe klagen? Vasarely oder Max Bill? Wie sehr geistern deren Motive durch diese beiden Arbeiten – und durch die heutige Kunst!

Mit größter Selbstverständlichkeit pflegten Alte Meister, später die Avantgarden, selbst Picasso und Braque in ihrer kubistischen Phase, das gleiche Motiv zu wählen. Wie viele Male Rembrandts „Nachtwache“ seinerzeit kopiert wurde, das sieht man im Amsterdamer Rijksmuseum. Keiner nahm Anstoß daran, dass Manet um 1880 jenes delikate Spargelbündel appetitlich zitierte, das längst der niederländische Stilllebenmaler Adriaen Corte im Jahr 1667 gemalt hatte. Und was wäre es für eine Posse gewesen, hätten sich Brücke-Expressionisten gegenseitig angeklagt, als sie ab 1905 fast alle die Lolitas Fränzi und Marcella zu ihren Leib-und-Magen-Motiven wählten?

Derweil baut die Frankfurter Kunsthalle Schirn auf 700 Quadratmetern das Werk Rehbergers für eine Retrospektive ab Mitte Februar auf. Argusaugen eingeplant?