Die Autorin Cornelia Koppetsch.
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BerlinDie Liste ähnlich lautender, aber nicht oder unzureichend kenntlich gemachter Zitate wird immer länger. Das Buch „Die Gesellschaft des Zorns“ (Transcript Verlag) von der Darmstädter Soziologin Cornelia Koppetsch steht im Verdacht, sich an zahlreichen Stellen der Gedanken und Formulierungen anderer Autoren bedient zu haben. Entsprechende Zitate und Verweise sucht man in den nun öffentlich gemachten Passagen des Buches vergeblich.

Am Donnerstagabend wurde Koppetschs Buch kurz vor der Verleihung des Bayerischen Buchpreises von der Jury als möglicher Kandidat gestrichen. Von einer Liste für einen Sachbuchpreis des NDR, für den „Die Gesellschaft des Zorns“ ebenfalls als aussichtsreicher Titel galt, hat der Transcript Verlag das Buch inzwischen zurückgezogen. Verlag und Autorin haben gegenüber dem NDR eingeräumt, dass das Buch Textübernahmen enthalte, die als Zitat hätten gekennzeichnet werden müssen. Der Verlag sei dabei, die Vorwürfe zu prüfen.

Buch galt als „großer Wurf"

Cornelia Koppetsch hat in ihrer von den Kritikern weithin gefeierten Arbeit den Rechtspopulismus im globalen Zeitalter untersucht. Es sei ein großer Wurf, schrieb etwa die FAZ, „und zwar deshalb, weil das Buch, anders als die meisten anderen der mittlerweile schwer zu überblickenden Beiträge zum Thema, der Dimension der populistischen Provokation gerecht wird.“ Koppetsch verstehe den Aufstieg des Populismus nicht nur als Schluckauf des Systems, sondern als Zeichen eines „aktuellen epochalen Umbruchs“. Es müsse also darum gehen, den Populismus als umfassende gesellschaftstheoretische Herausforderung anzunehmen.

Soweit, so wichtig. Die Originalität der Überlegungen Koppetschs wird nun aber stark angezweifelt. Abgeschrieben hat Koppetsch laut einer FAZ-Recherche u.a. bei ihrem Kollegen Andreas Reckwitz aus dessen Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ (Suhrkamp Verlag). Betroffen seien außerdem Autoren wie Slavoj Żižek, Wendy Brown oder der Soziologe Sighard Neckel von der Universität Hamburg.

Knut Cordsen, Mitglied der Jury für den Bayerischen Buchpreises, hat auf der Homepage des Bayerischen Rundfunks einige plagiatsverdächtige Beispiele aus „Die Gesellschaft des Zorns“ zusammengestellt. Auf Seite 113 von Koppetschs Buch etwa heißt es: „Als maßgeblich erscheint ein kosmopolitischer Lebens- und Kulturstil, der sich nicht mehr über einen hervorragenden Umgang mit nationalen Bildungsgütern definiert, sondern über die Fähigkeit zur Polyvalenz verfügt, um sich in einer sich globalisierenden Welt zurechtzufinden und Ländergrenzen nicht nur räumlich, sondern vor allem auch symbolisch zu überschreiten. Der kosmopolitische Lebensstil schöpft seine Überlegenheit daraus, Neugierde als Prinzip des Umgangs mit fremden Menschen oder Kulturen verinnerlicht zu haben."

Cordsen weist nach, dass die Passage große Ähnlichkeiten mit einem Aufsatz des Autors Klaus Krämer hat, der 2018 in dem Sammelband "Arbeiterbewegung von rechts?" (herausgegeben von Karina Becker, Klaus Dörre und Peter Reif-Spirek) erschienen ist. Im Literaturverzeichnis von Koppetsch tauche der Titel nicht auf. Im Original lautet der leicht abgewandelte Satz dann: „Aufgewertet wird ein kosmopolitischer Lebensstil, der sich nicht mehr über einen virtuosen Umgang mit nationalen Bildungsgütern definiert. Als maßgeblich erscheint vielmehr die habituelle Fähigkeit, in einer sich globalisierenden Welt mit kultureller oder ethnischer Differenz vorurteilsfrei umzugehen, Ländergrenzen nicht nur räumlich, sondern vor allem auch symbolisch zu überschreiten und den kulturellen Konventionen unterschiedlichster Weltregionen offen gegenüberzutreten ... Der kosmopolitische Lebensstil schöpft seine symbolische Überlegenheit daraus, Neugierde gegenüber fremden Menschen und Kulturen zu wecken."

Wissenschaftliche Integrität wird mit Skepsis betrachtet

Beispiele wie diese sind leider, so führen die Recherchen von Knut Cordsen und Thomas Thiel in der FAZ aus, keine Einzelfälle. Zwar ist Cornelia Koppetschs zum Bestseller avanciertes Buch strenggenommen keine akademische Arbeit. Das unterscheidet die Affäre Koppetsch denn auch von unlängst berühmt gewordenen Fällen, in den prominenten Politikern die Doktorwürde streitig gemacht wurde, Die Darmstädter Professorin wird sich aber die Frage gefallen lassen müssen, in welchem Verhältnis ihr populär gewordener Titel zu ihrer wissenschaftlichen Reputation steht.

In Soziologenkreisen wird Koppetschs wissenschaftliche Integrität nicht erst seit Donnerstag mit Skepsis betrachtet. Von möglichen Plagiaten betroffene Autoren wollten sich gegenüber der Berliner Zeitung allerdings nicht öffentlich zu den Vorwürfen äußern. Der Transcript-Verlag aber dürfte es schwer haben, weitere Ausgaben des Buches lediglich mit nachträglichen Korrekturen auf einem Monita-Zettel zu versehen.