Berlin - Das Schlimmste für die Demokratie sei Langeweile, sagt Klaus Staeck mit spöttischem Unterton. Eben deshalb sei er wieder mal „Außenwerber“. Er könnte auch sagen: Einmischer, Mahner, Störer. Oder Idealist. Aber kein gekränkter, der sich dauernd an der Wirklichkeit wund stößt und deshalb derart Spitzfindiges von sich gibt, wie man es Satirikern gern mal unterstellt.

Die „Spitzfindigkeiten“ des Plakatkünstlers und langjährigen Präsidenten der Akademie der Künste Berlin kleben seit gestern in Zehneranordnung an einer Litfaßsäule vor der Neuen Nationalgalerie und vor dem Museum Hamburger Bahnhof.

Auf 298 weiteren Säulen quer durch Berlin finden sich jeweils eines oder zwei der Staeck’schen Plakatmotive, neue und solche, die schon seit den 1970er-Jahren entstanden sind. Nun werden sie, genauso wie die üblichen Kino-, Klamotten-, Kosmetik-, Konzert- und Club-Plakate, um Aufmerksamkeit. Es ist sozusagen ein Test für Alltagstauglichkeit politischer, sozialkritischer Botschaften inmitten eher kommerzieller Interessen und vor allem mitten in einem durchdigitalisierten Leben.

Direkte Verbindung

Über Internet erreicht man auf Tastendruck Abertausende, aber ein Plakat an der Säule, was und wen erreicht das schon? Nun, es gebe jeden Tag mindestens zwanzig Gründe, als „altmodischer“ Plakatkünstler, als Satiriker zumal, zu resignieren, aber ebenso viele Gründe, es immer wieder zu versuchen, Verstand und Herz der Leute direkt zu erreichen, sagt Staeck so lakonisch wie gutgelaunt.

Er ist mittlerweile 75, was ihm keiner ansieht. Und so fröhlich-trockenhumorig geht er also wieder mal in den öffentlichen Raum, getreu seinem Wahlspruch für die Meinungsfreiheit: „Die Kunst findet nicht im Saale statt“. Drei Wochen lang gibt er also öffentlichen, hauptstädtischen Demokratieunterricht auf der guten alten, bisweilen im Stadtgetümmel auch schon ignorierten Litfaßsäule.

Was 1971 auf den Straßen von Nürnberg, während der dortigen hoch gefeierten Dürer-Schau – begann, damals veritable Eklats und Anti-Staeck-Kunst-Empörungen in Politiker-Amtsstuben auslöste, landete nun, 2014, in Berlin. Mit Hilfe der Nationalgalerie, als Veranstalter der Schau im öffentlichen Raum. Dabei sind natürlich die Staeck-Klassiker: die Tessiner Villen, Dürers ausgemergelte Zeichnung der alten Mutter.

Das Motiv hat beklemmende Gültigkeit bis heute, es ist mehr als nur eine ironische Watsche für alle hartherzigen Wohnungsvermieter, es könnte heute allerdings auch gegen Porträts von Hartz-IV- Empfängern, arabisch aussehenden oder schwarzen Leuten ausgetauscht werden. Und wann immer es Staeck um Umweltzerstörung ging oder er die Verletzung demokratischer Grundwerte anprangerte – nichts davon ist überholt, nichts, was wirklich inzwischen aus der Welt geschafft wäre, weder die Xenophobie, noch die irrsinnige Ressourcen-Verschwendung, auch nicht die Schieflage im Bildungsbereich, nicht der Casino-Kapitalismus und auch nicht die Tatsache, dass unsere Gesellschaft unbekümmert üppig auf Kosten späterer Generationen lebt.