Plattenkritik: Neil Youngs neues Soloalbum „Peace Trail“

Berlin - Dies ist die Ausgangslage: „Ich kann nicht aufhören zu arbeiten“, singt Neil Young auf „Can’t Stop Working“, dem zweiten Lied seines neuen Albums „Peace Trail“. „Ich arbeite gern, wenn sonst nichts los ist, es ist schlecht für meine Gesundheit, aber gut für die Seele“, erklärt er seine Schaffenskraft, die noch nicht einmal durch die Operation an der Gehirnschlagader im Jahr 2005 gebrochen wurde.

„Peace Trail“ ist das 37. Studioalbum des früh gestarteten 71-Jährigen. Wobei die Arbeiten mit Buffalo Springfield und Crosby, Stills und Nash nicht mal mitgerechnet sind. Es ist außerdem das zweite Album in diesem Jahr nach dem Doppelalbum „Earth“, dessen Liveaufnahmen mit seiner Band Promise of the Real er mit Tierstimmen und solchen Dingen öko-atmosphärisch aufgemöbelt und verfremdet hat.

Dass er in der Arbeit nicht Innehalten kann, das erklärt aber auch einige Eigenarten dieses schon eigenartigen Albums. Nach den beiden Rockalben mit Promise of the Real hat er sich für „Peace Trail“ zwei Studiomusiker nach Malibu, ins Studio von Rick Rubin, eingeladen, mit Paul Bushnell einen bisher eher unauffälligen Bassisten, dafür mit Drummer Jim Keltner eine 74-jährige Studiolegende, die sich ihren Ruf auf angeblich rund 900 Alben seit ungefähr 1970 erarbeitet hat – unter anderen für John Lennon, Bob Dylan, Ry Cooder und auch Young selbst. Neil Young bleibt damit grob seinem Besetzungsrhythmus treu, und mit den zumindest akustisch anmutenden Songs auch seinen dynamischen Wechseln von laut zu leise, elektrisch zu akustisch, opulent oder bescheiden.

Nachlässig hingeworfene Songs

Oder von ausgearbeitet zu skizzenhaft. „Peace Trail“ verfeinert das Understatement bis zur Dekadenz, so nachlässig wirft Young diese Songs hin. Man habe sie, so Young, meist im ersten oder zweiten Take für erledigt befunden – das Cover zeigt Edding auf Sperrholz. Ähnlich nonchalant und flink, so erlebt es der Hörer, hat der Meister wohl auch an Melodie und Text gearbeitet.

In ihrer Unbehauenheit erinnert die LP ein bisschen an seine Siebziger-Trilogie um „Tonight’s the Night“ - aber mit Politdrall. Nun war Young nie ein Intellektueller, aber hier gibt es einige lyrische Momente, die man nicht mal mehr kunstlos nennen mag. Er singt dann von den „Zeiten, als gut noch gut war“, oder dass „Gerechtigkeit gegenüber dem großen Geld immer versagt“. Seine Eloge an den Ökoaktivisten John Oaks klingt wie ein Wikipedia-Eintrag und gegenüber den Verwirrungen durch Fernsehen, Smartphones und Computern zeigt er sich, nun ja, besorgt. Andererseits war er sich für Polit-Prosa zwischen „Ohio“ (1970) und „Fork in the Road“ (2009) nie zu schade, er sang schnörkellos von Studentenunruhen und Rassismus, Irakkrieg und zuletzt Ökologie und Agrarwirtschaft. Aber so öde zuletzt seine Bauernhoftexte ausfielen, so cool kann er auch mal die gängige Ikonographie der Americana-Tradition erweitern. So cruist er zum Beispiel in einem seiner besten Songs aus dem letzten Jahrzehnt, in „Peaceful Valley Boulevard“ von dem Album „Le Noise“ (2010), tatsächlich ohne poetischen Verlust im sauberen Elektroauto durch ein Jahrhundert der Natureroberung und Verheerung.

Problem erkannt, Problem besungen

Auf „Peace Trail“ gelingt das eher nicht. Man könnte sich aber versuchsweise am Gedanken gegenwärtigster Unmittelbarkeit erwärmen – Problem erkannt, Problem besungen. Immerhin erschien der Pipeline-Song „Indian Givers“ schon im September, und konnte daher den vorläufig erfolgreichen Protest gegen die Pipeline durch das Sioux-Reservat in North Dakota begleiten wie einst die Blues- und Folkleute das Elend der Großen Depression.

An dieser Tradition gemessen fällt aber noch etwas anderes auf: Man muss das alles gar nicht wörtlich verstehen. Es herrscht hier eine Atmosphäre größter stoischer Beiläufigkeit, in der es immer wieder auch ganz bluesnah weit in die Vergangenheit Amerikas und anderer mythischer Orte geht – wie in „The Pledge“ etwa um seine nach 32 Jahren erschöpfte Ehe.

Nicht nur gute Stücke

Ein paar Songs sind eher nichts, „John Oaks“ zum Beispiel und das irgendwie antirassistische, musikalisch bedauerliche „Texas Rangers“. Dafür bietet das Titelstück mit seiner elektrischen Gitarre und der feinen Melodie gleich einen Greatest-Hits-werten Song. Der Rest besteht aus wunderbaren Momenten, in denen sich die zwei schratigen Zausel Young und Keltner ganz feinsinnig und dann wieder lose rumpelnd über die minimalen Strukturen verständigen, über einsaitige Bluesriffs und Countrymotive über Folkjazz-Zupferei und gedimmtes Feedback, mit pappartigem oder blechernem Trommelrappeln.

Im migrationssatirischen „Terrorist Suicide Hanggliders“ lässt Neil Young gleich zwei hübsche melodische Ideen lächelnd auflaufen, am Ende tauchen Vocoder- und Computerstimme auf, in „The Pledge“, dem interessantesten Stück des Albums, begleitet er seinen murmelnden Talking Blues mit der eigenen, soulvollen Autotunestimme. Selbst in den Nummern, in denen er sich wie ein Hippie-Rentner vor den TV-Nachrichten ärgert, erhebt er kaum die Stimme. Als Gesamteindruck bleibt daher eine Art Grantelambient hängen.

Und was heißt das jetzt? Tja, wer weiß. Ist es ein gutes Album? Schwer zu sagen, wohl nicht. Aber komischerweise höre ich das leise, halbgare, zerbröselnde Geschaukel und Gewackel ausgesprochen gern.

Neil Young „Peace Trail“ (Reprise), das Album erscheint am Freitag.