Rotimi Fani-Kayode, Selbstportait, Untitled, ca. 1985
Quelle: Autograph, London

BerlinIn ihrem Klassiker feministischer Philosophie „Das andere Geschlecht“ (1949) argumentierte Simone de Beauvoir, Männer erlebten anders als Frauen keinen Widerspruch zwischen ihrem Geschlecht und ihrer „menschlichen Berufung“. In diesem Punkt, kann man heute sagen, lag de Beauvoir falsch. Ähnlich wie Frauen werden auch Männer nicht als solche geboren, sondern zu ihnen gemacht. Dennoch: Ein Umdenken in Sachen Männerbilder steckt bis heute in den Kinderschuhen. 

Am selben Vormittag, da ich mich von Julienne Lorz, Kuratorin des Gropius-Baus, durch die „Masculinities – Liberation through Photography“-Ausstellung führen lasse, tweetet US-Präsident Donald Trump: „Lasst euch nicht vom Virus dominieren.“ Gemeint war natürlich Covid-19. Für Trump ist Krankheit Schwäche. Wer sie besiegt, ist stark, ein echter Kerl. Viel lässt sich daran ablesen. Die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Männlichkeit, gleich ob toxischer oder normaler, ist überfällig.

Auch das Männliche ist divers

Im Gropius-Bau tastet man sich künstlerisch heran: In insgesamt sechs Abschnitten verhandelt die Gruppen-Ausstellung die Erscheinungsformen von Männlichkeit. Es gehe darum, zu zeigen, wie sie seit den 60er-Jahren durch Fotografie und Film erlebt und sozial konstruiert wurde, heißt es im Ausstellungstext. Man wolle „eine Brücke schlagen“, so Lorz, „von klassischen Männlichkeitsbildern zu fluideren Identitäten“. Männlichkeit gilt hier nicht als Ausdruck geschlechtlicher Wahrhaftigkeit, sondern als Effekt jener Archetypen, die wir Männern gewohnheitsmäßig zuzuschreiben. Daher: Männlichkeit*EN, im Plural. So weit, so idealistisch. Die darin liegende Diversität abzubilden gelingt der Ausstellung, so wichtig und zeitgemäß dies wäre, leider nur ansatzweise.

Die Eingangsposition, John Coplans‘ „Selbstportrait“ (1994), schafft eine mutige Antithese zum männlichen Idealkörper, wie er seit der Antike und bis heute fortbesteht. Die vierteilige Fotoinstallation zeigt den Künstler in unsicheren, weiblich konnotierten Posen. Seine Haut ist erschlafft, die Pobacken faltig, der Körper alternd. Doch Coplans Arbeit ist hier die Ausnahme einer Regel: dass man nämlich in „Maskulinitäten“ in erster Linie Stereotype zu sehen bekommt. Diese werden teils zelebriert, teils kritisiert, selten dekonstruiert. Wir sehen etwa Adi Nes' Bilder israelischer Soldaten, Fotografien voll anzüglicher Männerbündigkeit und verlorener Unschuld. Oder Mapplethorpes ikonische Bilder von Bodybuildern wie Arnold Schwarzenegger. Wir sehen empfindsam dreinblickende Cowboys, blutverschmierte Stierkämpfer und eingeölte Muskelprotze, die Autoreifen durch die Gegend schleppen.

Alles Bilder, die die ihnen zugrundeliegenden Geschlechternormen „destabilisieren“ sollen. Wie genau, bleibt unklar. Etwa, weil die gezeigten Männer hier ausnahmsweise nicht Subjekt, sondern Objekt des vielbeschworenen „male gaze“ sind? Diese identitätspolitische Lektion wurde doch von der Werbeindustrie längst im Eigeninteresse erteilt. Auch eine Auseinandersetzung mit der Gewalt, die dieser Spielart der Männlichkeit inhärent ist, sucht man vergeblich. Ja, es sind auch überraschende Beispiele darunter – etwa die gefundenen Porträts afghanischer Taliban-Kämpfer, die Thomas Dworzak sorgfältig nachkolorierte; als Ausdruck einer effeminisierten Brüderlichkeit, in Kontrast zum Märtyrertum der Terrorgruppe. Dennoch: Die meisten Bilder im ersten Teil bleiben weitgehend im Bereich des Klischeehaften.

Das Männerbild der Nazis dient als Referenz

Im zweiten Teil „Männliche Ordnung: Macht, Patriarchat und Raum“ finden wir uns plötzlich vor einer Wand voller Nazis wieder: SS-Kämpfer, Wehrmachtssoldaten, NS-Generäle. Um das hypermaskuline Männerbild der NS-Ideologen soll es dem Künstler Piotr Uklanski dabei gegangen sein. Aber hatte denn noch irgendwer dies in Frage gestellt? Auch die homoerotische Komponente, die darin verhandelt werden soll, wurde spätestens in Rosa von Praunheims „Männer, Helden, schwule Nazis“ aufs Gründlichste ausgeleuchtet.

Ein ähnliches Gefühl beschleicht einen bei Richard Avedons Fotoessay „The Family“ (1976), den er für den Rolling Stone aufnahm: Es sind Bilder der Großen und Mächtigen seiner Zeit, darunter Ex-Präsidenten wie Ford und Kissinger – auch die Herausgeberin der Washington Post, Katherine Graham. Alles in allem jedoch fast nur Männer. Nun, wäre es an dieser Stelle nicht interessanter zu fragen, wie sich eine männliche Verletzbarkeit darstellen ließe – auch in Führungspositionen? Wie der Mann der Zukunft aussehen könnte?

Für Schwarze Männer wurde ein eigener Raum geschaffen

Der Teil der Ausstellung, der einer Darstellung ‚anderer‘ Männlichkeit am nächsten kommt, ist: „Männlichkeit queeren“. Darunter sind etwa Peter Hujars sagenhafte Porträts der Drag-Queen David Brinthenhofe. Oder George Dureaus Bilder des Kriegsveteranen B.J. Robinson, dem die Beine fehlen, der aber dennoch in ganz eigentümlicher Strahlkraft und Schönheit gezeigt wird. Oder auch die Selbstporträts des verstorbenen Fotografen Rotimi Fani-Kayode, die der schwulen Intimität – inmitten der Homophobie der Thatcher-Jahre – eine unmissverständliche Eleganz verleihen.

Dass für die Darstellung Schwarzer Männer in der Ausstellung eine eigene Sektion geschaffen wurde ist wohl als wache Geste gemeint, wirkt in der Abgegrenztheit von den sonst vorwiegend weißen Männern aber merkwürdig. Hier ist eines der vielleicht beeindruckendsten Porträts der Ausstellung zu sehen. „Sons of Cush“ (2016) der Fotografin Deana Lawson: Das Bild zeigt einen oberkörperfreien Vater mit seidenbehangenem Baby – in einem Zimmer mit abgeklebten Fenstern und heruntergelassenen Jalousien. Das Außen des Bildes sind Goldketten, Geldstapel, „Dope“-Tattoos – männliche Härte, roher Alltag. Sein Innen ist Nähe, Intimität, Verletzbarkeit, Geschichte.

Am Ende treffen wir Chris Bayley, den stellvertretenden Kurator der Original-Ausstellung im Barbican Centre in London. Ob er glaubt, dass Männlichkeit sich verändern wird, frage ich. „Ich bin da optimistisch“, sagt er. Das Kuratieren von Ausstellungen wie dieser sei extrem wichtig, um die Welt, in der wir leben, zu verstehen. Jetzt kommt es nur noch darauf an, sie zu verändern.

Masculinities: Liberation through Photography, Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, Berlin-Mitte. Katalog Prestel, 320 Seiten, 22,8 x 32,0cm, 49,95 Euro.