Kristin Scott Thomas 2016 beim Filmfestival in Rom. 
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Berlin/LondonGleich für ihren ersten Kinofilm – das Musikdrama „Under the Cherry Moon“ mit Prince – wurde Kristin Scott Thomas 1986 als schlechteste Nebendarstellerin des Jahres nominiert. Doch seither, man kann es nicht anders sagen, hat sich die Karriere der in Cornwall geborenen Britin prächtig entwickelt. Derzeit ist die 60-Jährige in der Komödie „Mrs. Taylor’s Singing Club“ über einen Chor aus Militärgattinnen im Kino zu sehen, außerdem spielt sie im Remake von „Rebecca“ mit, das ab Mittwoch (21. Oktober) auf Netflix ausgestrahlt wird.

Miss Scott Thomas, singen Sie gerne?

Oh ja, sehr gerne sogar. Was nicht unbedingt heißt, dass andere meinen Gesang schätzen.

Was Sie in „Mrs. Taylor’s Singing Club“ zum Besten geben, klingt doch sehr gut.

Dafür habe ich natürlich geübt. Und ich kann nicht leugnen, dass das für mich der größte Reiz war bei diesem Film: mal wirklich mit Inbrunst vor der Kamera singen zu dürfen. Gerade der Chorgesang hat besonders viel Spaß gemacht. 

Im Film lästern Sie über Karaoke. In echt auch?

Ja, das ist tatsächlich das Einzige, was ich mit meiner Filmfigur gemeinsam habe. Karaoke finde ich entsetzlich und verstehe null, warum die Leute das lieben. Warum sich selbst freiwillig dieser Peinlichkeit aussetzen? Mich jedenfalls bringen keine zehn Pferde dazu, Karaoke zu singen. Nur für Pedro Almodóvar habe ich mal eine Ausnahme gemacht.

Wie kam es dazu?

Das war 2013 in Berlin, im Rahmen der Verleihung des Europäischen Filmpreises. Pedro war da mit dem Team seines Films „Fliegende Liebende“, alle waren gut drauf und sangen. Ich war ganz schön betrunken, und irgendwann habe ich tatsächlich mitgesungen. Das hat ausnahmsweise dann doch Spaß gemacht. 

Im Film spielen Sie die Ehefrau eines Offiziers, Sie kommen aber auch selbst aus einer Militärfamilie. Ihr Vater, Ihr Stiefvater und Ihr Onkel waren bei der Royal Navy. Haben Sie je den Alltag auf einem Militärstützpunkt erlebt?

Wir haben in der Tat mal anderthalb Jahre in einer solchen Basis gelebt. Das war natürlich anders als im Film, wo die Männer tatsächlich in den Krieg müssen. Ich habe damals nur Friedenszeiten miterlebt. Allzu viele Erinnerungen habe ich nicht mehr an diese Zeit, denn ich war da fünf Jahre alt. Aber ich weiß noch, wie seltsam es war, dass alle Häuser exakt gleich aussahen. Zum Teil sogar von innen, weil alle aus dem gleichen Lager ihre Möbel mieteten. Im Rückblick würde ich aber übrigens sagen, dass es einen direkten Bezug zu meinem Army-Hintergrund und meinem heutigen Job gibt.

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Zur Person

Kristin Scott Thomas wuchs in England auf und ging mit 19 Jahren als Au-pair nach Paris. Dort absolvierte sie eine Schauspielausbildung und war seither in zahlreichen Filmen zu sehen. Ihren Durchbruch feierte sie 1992 mit Roman Polanskis Film „Bitter Moon“. Für ihre Darstellung der Katharine Clifton in „Der englische Patient“ wurde sie für den Oscar nominiert. Seither zählt sie zu den großen Stars der europäischen Filmszene.

Auch am Theater machte sich Scott Thomas einen Namen, stand in London und New York auf der Bühne. 2015 wurde sie in den britischen Adelsstand erhoben. Von 1987 bis 2005 war sie mit dem französischen Arzt François Olivennes verheiratet. Aus der Ehe gingen eine Tochter und zwei Söhne hervor. Scott Thomas besitzt neben der britischen auch die französische Staatsbürgerschaft.

Wie meinen Sie das?

Mir ist schon öfter aufgefallen, dass es erstaunlich viele Schauspielerinnen und Schauspieler gibt, die aus Militärfamilien kommen. Die Gemeinsamkeit ist das nomadenhafte Dasein, der Verzicht aufs Sesshaftsein. Dass ich das schon als Kind miterlebt habe, hat mich sicherlich darauf vorbereitet, dass ich heute in meinem Beruf eine Nomadin sein muss, auch im übertragenen Sinne, nämlich mit meinem Geist. Mal muss ich diese Person sein, mal jene, muss mich immer wieder neuen Situationen anpassen und mich in bestehende Strukturen etwa eines Filmteams einpassen. Das ist dem militärischen Alltag gar nicht so unähnlich. Und kaum hat man sich irgendwo eingelebt, bricht man schon wieder die Zelte ab, und es geht auf zum nächsten Einsatz.

Sie haben mal gesagt, ein so genannter Mädelsabend oder überhaupt eine rein weibliche Clique sei Ihre Version der Hölle...

Stimmt, das habe ich gesagt. Nur unter Frauen zu sein, das war nach meiner Zeit an reinen Mädchenschulen nichts, worauf ich besonders viel Lust hatte. Ich muss allerdings sagen, dass die Arbeit an „Mrs. Taylor’s Singing Club“ mich da etwas verändert hat. Ich musste feststellen, dass die Atmosphäre bei der Arbeit eine ganz andere ist, wenn man am Set von so vielen Frauen umgeben ist. Die Stimmung war viel weniger kompetitiv.

Mit männlichen Kollegen ist das anders?

Glauben Sie mir: Ich hatte keine Ahnung von männlichem Konkurrenzgebaren, bis ich mal einen Film mit drei Männern als Co-Stars drehte. Wir hatten praktisch alle Szenen zusammen, aber es war ein Ding der Unmöglichkeit, sich da irgendwie durchzusetzen. Sie versperrten mir teilweise buchstäblich den Weg vor die Kamera, wenn ich eigentlich auf meine Markierung treten sollte. Von solchem Verhalten konnte jetzt bei meinen Kolleginnen kein bisschen die Rede sein. Wir wollen es hier ja mal nicht übertreiben mit den weitreichenden Verallgemeinerungen. Aber alles in allem haben Männer doch oft eine andere Herangehensweise und Mentalität. Sie wollen Dinge erobern, was uns Frauen oft eher fremd ist, denke ich.

Der Trailer zum Film.

Video: YouTube

Im vergangenen Jahr fungierten Sie als Präsidentin beim Women’s Forum For The Economy & Society, dem Treffen der weltweit führenden Plattform für die Ansichten von Frauen zu sozialen und wirtschaftlichen Aspekten. Wie kam es dazu?

Ich wurde ganz einfach gefragt. Wobei ich beim ersten Anruf noch sicher war, dass sich da jemand verwählt hat. Schließlich sah ich mich nicht als Feministin. Doch dann nahm ich an einem ersten Treffen teil und merkte schnell, dass ich all die Anliegen, um die es den Frauen ging, doch nur allzu gut nachvollziehen konnte.

Sie waren eben doch eine Feministin?

Genau das stellte ich fest. Wie oft hatte ich laut geflucht, wenn ich im Radio davon hörte, wie junge Mütter im Job benachteiligt werden. Oder mich tierisch aufgeregt, wenn mir zu Ohren kam, dass männliche Kollegen für den gleichen Job besser bezahlt wurden als ich. Ich hatte mir nur nicht genug Gedanken darüber gemacht. Mein Feminismus-Begriff war noch sehr verbunden mit dem Verbrennen von BHs und der Frauenbewegung der 60er-Jahre. Deren Ziele, so dachte ich zumindest, waren doch erreicht. Ich ging naiverweise davon aus, dass die Gleichberechtigung erreicht war. Doch ich hatte mir nie die Mühe gemacht, genau hinzusehen, auch über den westlichen Tellerrand hinaus.

Welche Erkenntnis hat Sie am meisten erschüttert?

Es gab so viele Fälle von Ungerechtigkeit und Diskriminierung, bei denen ich nicht wahrhaben wollte, dass allein das Frausein die Ursache dafür war. Heute weiß ich es besser. Wenn zum Beispiel je ein Mann und eine Frau ein Unternehmen gründen und dafür ein Bankdarlehen bekommen wollen, kann man davon ausgehen, dass ihnen ganz unterschiedliche Fragen gestellt werden. Während der Mann in der Regel darlegen soll, was das Erfolgsversprechende an seinem Projekt ist, muss die Frau beweisen, warum ihres nicht scheitern wird. Da steht von vornherein das Negative im Vordergrund. Was natürlich einhergeht damit, wie wir schon als kleine Mädchen erzogen werden: bloß nicht zu selbstbewusst auftreten, immer bescheiden sein, sich selbst stets hinterfragen. Daran wird zum Glück allmählich gerüttelt. Aber ich fürchte, es wird noch mindestens eine Generation dauern, bis wir von echter Veränderung sprechen können.